Kultur : "Black & White": Doch Mark Tyson lispelt stilecht

Ralph Geisenhanslüke

Ein Test: Halten Sie den folgenden Wortwechsel für authentisch? "Was machst du so?" - "Nichts. Chillen. Irgendwelche Vibrations reinziehen." Reden so Jugendliche? Redet überhaupt irgendwer so? Würde nicht auch der letzte zugekiffte Nachwuchs-Hänger noch eine geschliffenere Wortwahl an den Tag legen? Ja, es ist so eine Sache mit der Vibration. Umgangsprachlich bedeutet sie unter anderem: Schwingung, Atmosphäre oder die Haltung, mit der man etwas tut. Die Übersetzer waren offenbar anderer Ansicht. Deshalb gibt es in "Black and White" einige Szenen von unfreiwilliger Komik. Zum Beispiel, wenn Mike Tyson sagt: "Bruder, ich spüre, welche Vibrationen du mir rübergibst". English for Runaways - Englisch zum Weglaufen.

Dabei ist Glaubwürdigkeit das höchste Gut, wenn ein 56-jähriger sich daran macht, die Lebensweisen von Jugendlichen auf die Leinwand zu bringen. James Toback hat in New York ein Phänomen ausgemacht, dass er eines Films für würdig befand: weiße HipHop-Kids. HipHop war einmal eine schwarze Kulturform. Mittlerweile ist ernicht nur musikalisch, sondern auch in Sprache und Mode mainstream. Trotzdem glaubt Toback mit dem Phänomen weißer Mittelklasse-Kids etwas Neues gefunden zu haben. Dabei hat die romantische Verklärung der Schwarzen durch die weiße Mittelschicht durchaus Tradition.

Tobacks Geschichte handelt von ein paar Schulmädchen, die von Schwarzen zum Kiffen und zum Gruppensex verleitet werden, während Papi, der Investment-Bänker, schuften muss für das Heim am Central Parc West. Der Dreier mit zwei weißen High School Sluts steht ziemlich weit oben in der Hitparade schwarzer (und weißer) Männerfantasien. Übertroffen wird dieses Reizpotential von Claudia Schiffer, die als schwedische Anthropologiestudentin durch die Szenerie stakst und durch ihre Rolle dazu angehalten ist, sich nahezu jeden gutgebauten schwarzen Bruder zur Brust zu nehmen.

Als authentischen schwarzen Hintergrund hat Toback einige Mitglieder des Wu-Tang Clan verpflichtet. Dieses HipHop-Kollektiv ist nicht nur auf dem Musikmarkt tätig, sondern fügte seinen ungeschliffenen New Yorker Sound schon bei Jim Jarmuschs "Ghost Dog" perfekt in die Filmhandlung ein. Hier stehen die Rapper gleich vor der Kamera. Doch was Power alias Rich Bower und seine Kumpane (Raekwon, Method Man und Inspektah Deck) musikalisch auf die Beine stellen, interessiert Toback wenig Sichtlich stolz dagegen scheint der Regisseur darauf zu sein, Box-Legende Mike Tyson vor der Kamera zu haben, der wegen seines nicht immer behutsamen Umgangs mit Frauen mindestens ebenso oft in den Schlagzeilen war, wie er im Ring stand. Tyson wenigstens ist mit korrektem Lispeln synchronisiert, wenn er Lebensweisheiten wie diese von sich gibt: "Wegen der weißen Frau geht man immer in den Knast."

Zum Szenario gehören weiterhin: ein Basketballer, der sich für einen Wettgewinn kaufen lässt, sowie eine Gruppe Jugendlicher, die sich selbst als "Niggaz" zu bezeichnen. Zu allem Überfluss hat Toback sich noch vom Stil der Dogma-Gruppe anstecken lassen und schickt Brooke Shields als verknitterte Dokumentarfilmerin durch die Straßen - auf der Suche nach weißen HipHop-Kids. Der vage, indifferente Aufbau der Story soll halbdokumentarisch scheinen. Doch am Ende bleibt nur Bildersalat.

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