Kultur : Blättern in Notenblättern

ALBRECHT DÜMLING

Franz Schubert war genau 100 Jahre tot, als am 19.November 1928 die Musikbibliothek Steglitz ihre Pforten öffnete.Nach Charlottenburg und Köpenick war sie die erste in Berlin, die als städtische Einrichtung gegründet wurde.Mit über 30 000 Noten und fast 13 000 Büchern ist sie heute nach der Amerika-Gedenkbibliothek die zweitgrößte öffentliche Musikbibliothek dieser Stadt.Ein öffentliches Musikbüchereiwesen gibt es in Deutschland erst seit dem 20.Jahrhundert.Den Anfang machte 1905 die Musikalische Volksbibliothek München.Diesem Beispiel eiferten andere Städte wie Frankfurt am Main, Aschaffenburg, Berlin, Stuttgart und Leipzig nach.

Während Rentabilitätsbetrachtungen bei Kultur sonst eher problematisch sind, läßt sich der Beitrag der öffentlichen Musikbibliotheken zur Musikkultur nicht zuletzt am Nutzungsgrad ablesen.Nimmt man nur die absoluten Ausleihzahlen, so liegt die Steglitzer Bibliothek unter den 83 deutschen Musikbibliotheken an dritter Stelle.Diese beachtliche Position verbessert sich noch, vergleicht man die Bestände mit der Zahl der Ausleihen.Im Verhältnis von Nutzung pro Notenband ist die Steglitzer Bücherei bundesweit Spitzenreiter.

Offenbar kommt die Steglitzer Sammlung mit einem Schwerpunkt bei klassischer Kammer- und Klaviermusik in besonderem Maße den Bedürfnissen entgegen.Die 9000 aktiven Nutzer schätzen zudem die persönliche Atmosphäre sowie die kompetente und freundliche Beratung.Was hier erreicht wurde, muß bewahrt werden.Eine zentrale Bibliothek, wie die seit Mitte dieses Jahres in den Räumen der Amerika-Gedenkbibliothek existierende und noch im Aufbau befindliche Musikabteilung der Berliner Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), ist keine Alternative zu den bezirklichen Bibliotheken.Denn Größe allein führt nicht automatisch zu einer besseren Nutzung, wie neben dem Beispiel der Gedenkbibliothek vor allem ein Vergleich mit der riesigen Münchner Musikbibliothek zeigt.Der Notenbestand von Steglitz ist zwar kleiner, kann aber einen dreimal so großen Umsatz aufweisen.Die Magnetwirkung einer Zentralbibliothek ist also keineswegs garantiert.Dies liegt offenbar auch an der vom Nutzer bevorzugten, jedoch nur schwer zu realisierenden Freihand-Aufstellung.

Da Musikfreunde aus anderen Teilen Berlins nicht benachteiligt werden dürfen, haben die Musikbibliotheken in Charlottenburg, Neukölln, Köpenick, Marzahn und Pankow ebenso ihre Berechtigung.Die Statistik belegt dies.Auf eine Million Deutsche kommt durchschnittlich ein Opernhaus und eine Musikbibliothek.Berlin mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern kann insofern einen Anspruch auf 3,5 Opernhäuser und 3,5 Musikbibliotheken erheben.Ob dieser rechnerische Durchschnitt der Sonderstellung Berlins als Musikstadt gerecht wird? Abstriche können jedenfalls nicht statistisch begründet werden.

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