Kultur : "Blair Witch 2": Und ewig singen die Wälder

Martin Schwickert

Die Menschheit ist in vielerlei Hinsicht geteilt. In arm und reich. In Mann und Frau. In irgendwie links und ganz schön rechts. In Olivenesser und Olivenhasser. Ebenso unversöhnlich standen sich vor einem Jahr Freunde und Feinde des "Blair Witch Projects" gegenüber. Die einen sind vor Angst fast gestorben. Die anderen zuckten mit den Achseln. Wer die Diskussionen verfolgte, musste zu dem Schluss kommen, dass es für diese Art von Horror wohl eine genetische Disposition gibt.

Die Gegner weigerten sich hartnäckig, in Hysterie zu verfallen, nur weil ein paar Filmstudenten beim Wildcampen vergessen hatten, die Kamera auszuschalten. Die Fans diskutierten am PC weltweit darüber, ob das alles nun tatsächlich passiert war. Der Online-Hype, den das verwackelte Hänsel-und-Gretel-Remake in Gang setzte, ist längst Legende. Die Kombination aus authentischer Schreckensvision und virtuellem Werbekonzept brachte dem Amateurfilm eine Gewinnbilanz, reif für das Buch der Hollywood-Rekorde. 30 000 Dollar Produktionskosten stehen einer weltweiten Einspielsumme von 230 Millionen gegenüber.

Ein genialer Treppenwitz der Filmgeschichte - doch schon folgt, mit branchentypisch grausamer Zwangsläufigkeit, "Blair Witch 2". Diesmal ist ein Zehn-Millionen-Dollar-Budget im Spiel, und kurz vor US-Start wurde ein "Blair Witch Webfest" in Szene gesetzt. Filmemacher und Darsteller von "BW2" - so das Kürzel - begaben sich in den Chatroom. Horrorfilm-Experten plauderten über das Genre und "echte" Hexen produzierten sich vor laufender Webcam. Ene krude Mischung aus Esoterik-Workshop und Filmwissenschaftsseminar.

Irgendwie diskursanalytisch kommt nun auch das Filmprodukt daher. "BW2" beginnt mit der Wirkungsgeschichte des Horrormärchens "BW1". Im Rathaus des Städtchen Burkittsville beteuert ein Anrufbeantworter rund um die Uhr, dass es sich bei "Blair Witch Project", um eine erfundene Geschichte handelt. Trotzdem schleichen die Grufties in Scharen um die Kindergräber des Friedhofs, und der Sheriff hat alle Hände voll zu tun, unbelehrbare Fans aus den düsteren Wäldern Marylands zu vertreiben.

Zu Wort kommt auch Jeff Peterson, und damit bewegt sich der Film auf fiktionales Terrain. Der windige Jeff bietet Touren in die Gruselwälder der Black Hills an. Die erste Reisegruppe setzt sich prototypisch zusammen: ein Wissenschaftlerpaar, das für die Studie "Blair Witch - Hysterie und Historie" recherchiert, eine junge Frau, die glaubt, eine (gute) Hexe zu sein und eine coole Gruftiebraut mit seherischen Fähigkeiten. Nach einer Nacht im Gehölz wachen die Teilnehmer verkatert auf. Keiner kann sich an die letzten fünf Stunden erinnern. Und das Video-Equipment ist verschwunden.

In "Blair Witch" entstand die Spannung durch das, was man nicht sah. "BW2" hingegen wartet immer wieder mit Blitzlicht-Visionen aufgeschlitzter Bäuche auf, deren Bedeutung am Ende brav aufgeschlüsselt wird. Um dem Ganzen erneut den Anschein der Authentizität zu verleihen, hat man den Dokumentarfilmer Joe Berlinger engagiert. Eduardo Sanchez und Daniel Myrick, die Regisseure des ersten Teils, werden auf der Stabliste nur als "Berater" geführt.

Vergeblich versucht Berlinger, den kunstvoll unfertigen Stil der Vorlage nachzuahmen. Herausgekommen ist ein Doku-Spielfilm, der auf beiden Ebenen versagt. Auch wenn mit dem Camcorder herumdeliriert wird, vermitteln die Aufnahmen von Nancy Schreiber nie den Charme des Originals. Die Schauspieler hingegen agieren so hölzern, dass sie selbst beim Casting für eine Fernseh-Talk-Show durchfallen würden.

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