Kultur : "Blanche oder Das Atelier im Garten": Paul Kornfelds großartig komponiertes Hauptwerk

Aus der Tagesspiegel-Kolumne "Vorgelesen"

Wie durch ein Wunder hat das Manuskript von Paul Kornfelds Hauptwerk "Blanche oder Das Atelier im Garten" den Krieg und die Auslöschung seines Autors, der 1942 in das Konzentrationslager Lodz kam, wo er ermordet wurde, überstanden. Das Buch des Dramaturgen und Dramatikers, der 1933 aus Berlin nach Prag emigrierte, ist die Geschichte der einzigen Tochter eines Anwalts, die in den zwanziger Jahren aus der Gesellschaft in eine Welt der Träume und der Phantasien zu flüchten sucht: sie hat (ihre Eltern sind verarmt) sich auf nicht ganz korrekte Weise ein Gartenhaus erworben, in das sie sich flüchtet, das sie nach ihrem Geschmack einrichtet, wo sie Briefe an einen erträumten und erdachten Geliebten schreibt, und als Malerin dilettiert. Die Welt, die Beziehungen zu Freundinnen, zu Männern, die sich ihr nähern wollen, die gesellschaftlichen Gespräche mit Künstlern und Freunden erlebt sie, durchaus auch ironisch, als Zudringlichkeiten. Eine Handvoll Veronaltabletten, mit denen ein Dienstmädchen Selbstmord begehen wollte -, natürlich aus Liebeskummer - lösen einen makabren Staffetten-Lauf von Selbstmordversuchen unter BlanchesFreundinnen aus - bis sie selbst, aus dem Haus und in ausweglose Enge getrieben, ihrem Leben mit diesen Tabletten ein Ende setzt.

Kornfelds großartig komponierter, von weher Menschenkenntnis getragener Roman zeichnet eine Welt, deren junge Frauen auf dem Weg der Selbstfindung und Selbstbestimmung waren - und ihn doch noch nicht gehen konnten und durften.

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