Kultur : Blau-rotes Leuchten

Mirko Weber

Wer zu den paar tausend Menschen gehört hat, die sich in dieser Woche die beiden Heimspiele des TSV 1860 München gegen Gladbach und Cottbus angeschaut haben, weiß wieder, warum es die Vereine nicht mehr im Olympiastadion aushalten wollen: Es zieht, es ist kalt, und am Ende sitzen - nach freundlicher Einladung durch den Stadionsprecher - doch fast alle auf der Haupttribüne. Wie passé die Schönheit von 1972 in einer sich verändernden Stadionlandschaft ist, beweisen denn auch alle Entwürfe für die neue gemeinsame Arena von FC Bayern und 1860 München in Fröttmaning; spätestens zum WM-Jahr 2006 soll sie fertig gestellt sein. Keines der Modelle von so unterschiedlichen Architekturbüros wie Murphy / Jahn, Forster and Partners und Auer + Weber ähnelt noch dem herkömmlichen Stadion, jeder strebt auf seine Art an, die derzeitigen Vorbildarenen in Amsterdam und Paris buchstäblich zu überbauen.

Tatsächlich in der Diskussion sind seit dem Ende der vergangenen Woche allerdings nur noch zwei Entwürfe der insgesamt acht eingereichten. Sie stammen von Herzog & de Meuron aus Basel und aus dem Büro von Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg. Im Februar soll von Vereinsseite aus endgültig entschieden werden, schließlich tragen die Clubs, anders als in Berlin etwa, die finanzielle Hauptlast des Neubaus. Beide Visionen des neuen Stadions, das naturgemäß das "allerschönste und allerbeste" (Franz Beckenbauer) in Deutschland werden soll, sprengen bisher allerdings den Rahmen, den FCB und 1860 sich gesteckt hatten, liegen also in der Kalkulation über den 400 Millionen, die (angeblich) geteilt werden.

An Geld jedoch wird es nicht scheitern, wenn einer der reichsten Clubs der Welt beteiligt ist. Gleichwohl sind die Büros gehalten, sich ein wenig zu unterbieten. Trotz aller gut abgesprochenen und ähnlich nichtssagenden Kommentare der Vereinspräsidenten Beckenbauer und Wildmoser wird es aber wahrscheinlich auf die Architekten aus der Schweiz hinauslaufen. Wo sie nämlich etwas schillernd Geheimnisvolles anbieten, zeigen die Hamburger vergleichsweise Hausbackenes: ein transparentes Dach auf mikadoähnlich in die Luft wachsenden Trägern. Auf Anhieb wirkt das Hamburger Modell fast noch wie ein Fußballstadion, was man vom Basler Entwurf nicht unbedingt sagen kann. Herzog & de Meuron wollen ihre steil anwachsenden Ränge mit einem fast runden Metallpneu verhängen. Es ist eine Außenhaut, die je nach Lichteinfall unterschiedlich schimmert und bei Spielen die jeweiligen Vereinsfarben gewissermaßen aus dem Bauch erglühen lässt: Und leuchten soll es rot und blau. Während die Kollegen konventionelle Parkhäuser bauen wollen, setzen Herzog & de Meuron zudem darauf, eine Parklandschaft um das Stadion zu etablieren, die Gras über die ganzen Autos wachsen lässt und am Ende vielleicht der des Olympiaparks gar nicht so unähnlich würde - eine Aussicht, die auch Oberbürgermeister Christian Ude zu verlocken scheint.

Gelingt es den Schweizern, die in Amsterdam fast nicht zu bewältigenden Probleme mit dem Rasen in den Griff zu bekommen (dort war er wegen unzureichender Luftzufuhr in einer Saison gleich mehrmals ausgewechselt worden), müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht den Zuschlag bekämen. Schließlich wollen die Vereine nicht irgendeinen Ersatz für das Olympiastadion, sondern ein Monument, das sich ob seiner Einzigartigkeit ähnlich einprägt wie Behnischs damaliger genialer Entwurf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben