Kultur : Blau unter der Gürtellinie

Katharina Thalbach erzählt in „Was ihr wollt“ am Berliner Ensemble immer von dem Einen.

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Foto: Braun/drama-berlin.de

Wenn Katharina Thalbach auf dem Regiezettel steht, dann rappelt’s im Karton. Zwischentöne, Anbahnung, Vorspiel ist ihre Sache nicht. Die Thalbach malt ihre Abende mit dem kräftigen Strich des Kalauers und mit dem noch breiteren Pinsel der Zote. Jeder Balken ein Penis, jeder Anspielungspfeil endet zwischen den Beinen einer Frau. Da weiß man, was man sieht, und vor allem, wo man lachen muss, nämlich nach jedem ins Publikum gezwinkerten Satz. Manchmal sieht man aber auch gar nichts mehr. Dann nämlich, wenn die Striche so fett sind, dass sie ineinanderlaufen und eine einzige amorphe Fläche ergeben, eine eintönige monochrome Landschaft, die irgendwo unter der Gürtellinie liegt.

Jetzt, im Berliner Ensemble, ist diese Landschaft meerblau. Katharina Thalbach gibt „Was ihr wollt“ von Shakespeare, das bekanntlich in einem Fantasieland der Verwechslungen, Geschlechterverwirrungen und melancholischer Glücksversprechen spielt. Viola, als Mann verkleidet, liebt Orsino, den Herzog von Illyrien, der aber Olivia vergöttert und die als Mann verkleidete Viola zu ihr schickt, um für ihn zu werben, worauf sich Olivia sofort in die Mann/Frau Viola verliebt...

Eine Unterwasserwelt ist auf einen Gazevorhang projiziert, riesige Fische schwimmen durch die Luft, im Hintergrund sieht man den Rumpf eines offenbar untergegangenen Schiffes (Bühne: Momme Röhrbein). Was ist das? Der letzte feuchte Traum eines Ertrinkenden? Kaum wird der Gazevorhang zuppelnd heruntergelassen, erscheint der Herzog Orsino aus einer Schiffskajüte – gespielt von Larissa Fuchs mit Lockenperücke und geklebtem Schnurrbart – und macht was zum Gesang der hinter einem Tuch versteckten Olivia (Antonia Bill). Er schiebt sich die Hand in die Pluderhose und masturbiert laut ächzend wie Rumpelstilzchen und betrachtet danach mit fasziniertem Schauder seine klebrigen Finger.

Abtritt Orsino, Auftritt Traute Hoess als Olivias Kammermädchen Mary. Sie trägt ein babyblaues Dirndl, wackelt mit ihren blonden Kinderzöpfen, aber vor allem mit ihrem Hinterteil und redet dabei kerniges Anzüglichkeits-Bayerisch. Wankender Auftritt Veit Schubert als Sir Toby Rülps, der Martin Seifert als tuntigen Deppen Sir Andrew Leichenwang im schottenkarierten Deppenanzug an der Schnapsflasche hinter sich herzieht. Auftritt Sabin Tambrea als Viola, der also als Mann eine Frau spielt, die sich als Mann verkleidet und beim Hin und Her zwischen den Rollenposen manchmal in den Untiefen der Geschlechterdifferenz versinkt, um sich mit einem beherzten „Huch!“ gerade noch zurück ans Ufer des Klischees zu retten. Wenn er oder die anderen nicht gerade singen: „I will survive“ oder „Fever“ oder „Nothing compares 2 you“, begleitet von den Gamben- und Lautenklängen der Lautten Compagney Berlin, deren Mitglieder sich sicherheitshalber hinter menschengroßen Muschelschalen verstecken.

Wie aus einer anderen Welt schwebt da auf einmal der Bassbariton Thomas Quasthoff in einem Regenschirm sitzend durch den Bühnenhimmel. Er spielt, grell geschminkt und einen Lorbeerkranz auf dem Kopf, nicht nur Olivias Narren Feste, er nimmt, obwohl er erst Anfang des Jahres aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt bekannt gab, auch zum ersten Mal an einer Sprechtheaterinszenierung teil. Bewegend singend (Barocklieder, aber auch erfundene Rapsongs) und sich sprechend über die anderen lustig machend. Erhaben und stimmgewaltig schwebt er wohlwollend über der Verirrung dieses Abends. Andreas Schäfer

Wieder am 29.11. und 6.12.

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