Kultur : Blaue Flecken für die Luft

ANDREAS KRIEGER

Greg Dulli verdrückt sich.Er habe Bauchschmerzen, heißt es.Dabei stand der Sänger der "Afghan Whigs" eben noch so breitbeinig vor seinem Mikro, als wollte er das Wort "cool" neu definieren: mit Kippe im Mund, Cowboyhut und Sonnenbrille.Vom Minialtar mit Plastiknippes auf Dullis Gitarrenverstärker bis zum Grunge-Funk seiner achtköpfigen Band - das alles hat Stil.Enttäuscht und wie schlechte Verlierer verlassen aber die Whigs schon 15 Minuten vor dem Abpfiff das Spielfeld.Schade! Aber es ist halt nicht Dullis Tag und vor allem nicht sein Publikum.Da fruchten Dullis Ansagen ("Rap gäbe es nicht ohne Rock") ebensowenig wie die schwärzeste Coverversion des Temptations-Klassikers "Papa was a rolling stone", die eine weiße Band wohl jemals gemacht hat - die Baseball-Kappen wollen nicht Dulli, sondern deutschen Hip-Hop.

Davon bekommen sie reichlich auf dem Festival "Introducing 99", das bei seiner Deutschlandtour auch in der Berliner Columbiahalle halt macht.Der Titel soll an den Veranstalter - ein kostenloses Musikmagazin - erinnern, führt aber in die Irre.Denn hier werden keine Neuentdeckungen "eingeführt".Dafür gibt es eine Leistungsschau der - mehr oder weniger - alternativen Gitarrenrock- und Hip-Hop-Szene.Die Hamburger Bands "Die Goldenen Zitronen" und "Die Sterne", die das Festival eröffnen, sind schon so lange im Geschäft, daß sie Greatest-Hits-Konzerte spielen können.Nur gut, daß die Songs der "Zitronen" oft minutenkurz sind, so bekommen sie alle Klassiker in ihrer halben Stunde locker unter.Während die Ober-"Zitronen" Schorsch Kamerun und Hans Platzgumer als Solisten eher die Elektro-Schiene fahren, frönen sie mit ihrer Stamm-Band dem niedlich-rabiaten Polit-Punk - schrill, schnell, intellektuell.Baß, Schlagzeug und Keyboard explodieren in verschiedene Richtungen, eine japanische Sängerin hüpft über die Bühne, und im Hintergrund läuft ein Film von Godard.

Ganz anderes Programm dagegen bei den "Sternen": "Bin so abstrakt", singt/spricht Frank Spilker.Das hat er mit den Filmschnipseln gemeinsam, die hinter ihm flimmern: Quadrate, Kreise, Striche."Die Sterne" spielen ihre Songs vielleicht eine Spur zu routiniert herunter - und doch bleiben sie die Klassenbesten der "Hamburger Schule".Es war Ironie, daß sie ihre vorletzte Platte "Posen" genannt haben, denn solche sind den Vieren fremd.Auf der Bühne bewegen sie sich etwa so wild wie die gleichnamigen Himmelskörper - nämlich gar nicht.Dafür sind sie höflich.Für ihren Song "Scheiß auf deutsche Texte" entschuldigen sie sich bei ihren Nachfolgern: "Das gilt natürlich nicht für die Bands, die heute abend spielen."

Am Start: die neue Generation unter den deutschsprachigen Sprechgesangs-Vereinen: "Kinderzimmer Productions" aus Ulm und die Hamburger "Eins, Zwo" und "Absolute Beginner".Mit den Umbaupausen ist es nun vorbei.Für Hip-Hop braucht man nicht viel Technik: Zwei Plattenspieler, Mikrofone und ab die Post.Außer den flotten Reimen kommt ohnehin fast alles aus der Konserve.Die Ansagen sind ebenso austauschbar wie sinnfrei, der Partystimmung tut das keinen Abbruch.Textor von den "Kinderzimmer Productions" verpaßt mit seiner linken Hand (in seiner rechten ist das Mikro angewachsen) der Luft blaue Flecken und macht dem Titel seiner neuen Scheibe "Die hohe Kunst der tiefen Schläge" alle Ehre.Hummeln im Hintern haben auch die "Absoluten Beginner": "Wir sind am Start, und wir fahren los." Wer möchte sie bremsen? Tagessieger ist aber der einzig wirkliche Newcomer, das Hamburger Duo "Eins Zwo".Fette Beats, kratzige Raps - aus den Boxen, in den Magen.Wer jemals in einer Menge von Fans gestanden ist, die alle gleichzeitig rauf und runter springen, der weiß, wie glücklich Hip-Hop machen kann.Wer denkt da noch an deutsche Reime?

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