Kultur : Blaue Jungs, rosa Mädels

ANNELE LÜTGENS

Neulich abend beim Zappen durchs Fernsehprogramm dies: Kabarettist parodiert "alternative" Mutter."Sie" wiegt ihren Säugling im Tragetuch: "Das ist Shiva, meine Reinkarnation.Ich finde das blöd, Junge oder Mädchen zu sagen.Shiva soll das später selbst entscheiden." Schallendes Gelächter im Publikum.Gender studies sind offenbar richtig populär geworden.Muß man dazu also noch Kunstausstellungen machen? Unter dem Titel "Rosa für Jungs, Hellblau für Mädchen" zeigt die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst im Kunstamt Kreuzberg und ihren eigenen Räumen in der Oranienstraße Arbeiten von 48 Künstlern zum Thema: Was ist Kindheit? Wie wird Kindheit gemacht? Wie zeigt sich Kindheit?

Vielleicht wären soziologische und kulturwissenschaftliche Abhandlungen, literarische Anthologien, Dokumentarfilme, "oral history"-Projekte, Katalogessays oder persönliche Erinnerungen eher geeignet, diesen Fragen nachzugehen.Ausstellungen haben ja bekanntlich mit Anschaulichkeit und sinnlicher Erkenntnis zu tun, und da hapert es bei diesem Unternehmen doch an vielen Stellen, mögen die Pastellfarben auch noch so zart-ironisch von den Wänden leuchten.So geht zum Beispiel die Mischung von etablierten Künstlerinnen und lokalem Nachwuchs leider meist zuungunsten der letzteren aus.

An das "Wieder-Kind-sein-wollen" der Erwachsenen appellieren arbeiten wie "My little Pony", lebensgroße Holzschaukelpferde von Assaf Etiel, die, einmal erklettert, jegliche Regressionswünsche im Keim ersticken, angesichts der in den Ponys verborgenen Videodokumentationen über Kindesmißbrauch, Kinderarbeit und Kinderarmeen.Auch in den Videolounge mit Kinderzimmertapete, bunten Stühlchen und einem Plüschbär mit Monitor im Bauch wird Kinderwelt für Erwachsene nachgespielt.Unter den Filmen, die hier zur Auswahl stehen, ist das Performance-Video "Heidi" von Mike Kelley und Paul McCarthy eine der bösesten Arbeit in dieser Ausstellung, die Kindheit vornehmlich als Festlegung der Geschlechtsidentität begreift.Fotografische Körperinszenierungen sind daher an der Tagesordnung.Auffallend ist, daß männliche Künstler (Ugo Rondinone, Ma Liuming, Ingo Taubhorn) sich eher mit weiblichen Attributen inszenieren, als Künstlerinnen es mit Männlichkeitsinszenierungen versuchen.

"Wo sind die hellblauen Mädchen" fragt Kolja Kohlhoff denn auch im Katalog der Ausstellung.Meine Vermutung: hellblaue Mädchen inszenieren sich nicht als solche.Sie sind diejenigen Künstlerinnen in dieser Ausstellung, die eiskalt und gnadenlos ihre Töchter und Eltern maskiert und geschminkt vor die Fotokamera schicken, um zu demaskieren, was Geschlechtskonstruktion bedeutet: Janine Antoni, Aura Rosenberg, Sally Mann.Oder sie überstrapazieren wie Inez van Lamsweerde die Hochglanzästhetik so sehr, daß von einem geschminkten Kindergesicht - halb Lolita halb Marilyn - plötzlich nur die Totenmaske übrigbleibt.Oder ein hellblaues Kleid, das verlassen im Teich schwimmt: Alyssa Deluccas kleiner graublauer Korridor mit nichts als zwei Fotos und zwei Leuchten an den Wänden ist der gelungenste Raum der ganzen Ausstellung.Was ist Kindheit? Ein transistorischer Zustand, vielleicht ein Kleid, das man abstreift und wegwirft und das immer wieder an die Oberfläche kommt.

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, und Kunstamt Kreuzberg, Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 13.Juni.Montag bis Sonnabend 12-18.30 Uhr, Sonntag 13-18.30 Uhr

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