Kultur : Blaue Lüge Neue Fotoarbeiten

von Andreas Gursky

Claudia Wahjudi

Vor wenigen Wochen ging ein Satellitenfoto durch die Presse, das zeigte den Golf von Mexiko als braune Suppe mit Schlieren – die Ölpest. Auf den Satellitenaufnahmen, die Andreas Gursky in der Galerie Sprüth Magers zeigt, gibt es solche Verwerfungen nicht. Blau und ruhig wölben sich die Ozeane über die sechs Großformate seiner neuen Serie „Ocean (I–VI)“. Nur in Australien flackert ein Buschfeuer, über Indonesien dreht ein Taifun. Doch das sind sozusagen Peanuts, aus dieser extremen Höhe betrachtet.

Erstmals stellt Gursky keine eigenen Aufnahmen aus, sondern Fotos von Agenturen. Über Monate hat er sie digital bearbeitet: aneinandergesetzt, Höhen und Tiefen des Meeresbodens in Farbtöne umgerechnet und angeglichen. Naturalistische Ansichten sind es dennoch nicht. Der Düsseldorfer Starfotograf bleibt Realist, auch wenn „Ocean“ Fiktionen zeigt: Die Zipfel der Kontinente rahmen die Weltmeere viel enger, malerischer, dekorativer ein als auf dem Globus. Es handelt sich also nicht um Kartografie. Es geht auch nicht mehr darum, „das Weltganze in seinen einzelnen Formen“ zu betrachten, wie der Krefelder Museumsdirektor Martin Hentschel über Gurskys Werk schrieb. Stattdessen lassen sich die einzelnen Formen der Welt als Ganzes wahrnehmen, wie es sich in Gurskys Fotofiktionen von Inseln vor Dubai bereits angekündigt hat.

Er habe manchmal das Gefühl, „mit dem Blick eines außerplanetarischen Wesens durch den Sucher zu schauen“, sagte der Fotograf einmal der Zeitschrift Stern. Dieses Gefühl ist endgültig Bild geworden, mehr noch: Vor „Ocean“ blickt der Betrachter aus der Perspektive des Schöpfers auf die Erde und fühlt noch einmal den Anspruch der Moderne, sie nach Maß des Menschen zu gestalten. Genauso enthält die Serie jedoch das Scheitern dieses Anspruchs. Kaum jemand wird die Bilder betrachten können, ohne die Eismassen an den Polen im Klimawandel verschwinden zu sehen. „Ocean“ würde sich ebenso gut in der Zentrale eines global agierenden Unternehmens machen wie in einem Büro von Klimaschützern. Theoretisch. Praktisch gesehen schrieb sein Foto „99 Cent, II“ mit 3,3 Millionen Dollar 2007 einen Auktionsrekord für Fotografie, die Preise in der Galerie Sprüth Magers bleiben im bewährten sechsstelligen Bereich. Claudia Wahjudi

Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18; bis 19.6., Di - Sa 11-18 Uhr.

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