Kultur : Blaue Obsternte

Vorbesichtigung im Berliner Auktionshaus Bassenge

Michaela Nolte

Schon zu Lebzeiten verlangte Rembrandt beachtliche 100 Gulden für seine Radierung „Christus heilt die Kranken“; so weiß es zumindest eine der Anekdoten, die sich um das berühmte „Hundertguldenblatt“ ranken: Der Gegenwert, den Rembrandt von einem Händler erhielt, waren Stiche von Marcantonio Raimondi. Heute liegt der Weltrekord bei 200000 Pfund, erzielt 1994 bei Sotheby’s in London. In der 13 Lose umfassenden Rembrandt-Passage im Auktionshaus Bassenge wird nun ein Abzug für 24000 Euro aufgerufen. Das entspricht etwa der Schätzung, die Ketterer in Hamburg kürzlich für ein weiteres Exemplar veranschlagt hatte, das die Bieter schließlich bis 52000 Euro reizte. Weniger populär und mit 20000 Euro niedriger eingestuft ist Rembrandts ovales Bildnis des Predigers „Jan Cornelis Sylvius“, das jedoch nicht nur durch seine Qualität besticht, sondern auch durch eine lückenlose Provenienz, die sich durch diverse Adelshäuser bis hin zum Pariser Händler Pierre Mariette zieht.

Überdies wird der Frühjahrskatalog kaum von Spitzenwerken bestimmt, lockt aber dafür mit zahlreichen Entdeckungen im moderaten Preisbereich wie Daniel Chodowieckis „Die Dame mit dem Muff“. Die Miniatur ist nicht nur die einzige Aquatinta des preußischen Malers und Kupferstechers, auch kommt sie für 1200 Euro erstmals auf den Markt. Von ungewöhnlicher Modernität ist ein um 1780 radiertes Selbstbildnis von Jean Pierre Norblin (1500 Euro). Agostino Venezianos manieristische „La Carcasse“, ein Hauptwerk der Druckgrafik des 16. Jahrhunderts, wird für 6000 Euro angeboten.

Auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts kommen vor allem die Liebhaber von Papierarbeiten auf ihre Kosten. Die Radierung „Niedergrundstedt I“ von Lyonel Feininger wird mit 12000 Euro bewertet, drei Lithografien von Otto Mueller zwischen 4000 und 15000 Euro. Ernst Wilhelm Nays kleine Gouache „Blaue Obsternte“ (25000 Euro) zeigt den Künstler 1945 an der Grenzmarke von Figuration und reinem Farbklang. Neben Arthur Segals 1913 in leuchtendem Kolorit strahlendem „Pariser Platz“ (17000 Euro), kommt mit Emil Schumachers „Abstraktion in Weiß und Rot“ eines der wenigen Ölbilder zur Versteigerung. Mit 30000 Euro führt die noch untypische, subtil-expressive Leinwand von 1960 die Preisskala der Frühjahrsstaffel bei Bassenge an.

Auktionshaus Bassenge, Erdener Straße 5A; Vorbesichtigung: bis 10. Mai, jeweils 10–18 Uhr, sowie 11. Mai, 10–20 Uhr. Auktion Kunst des 15. – 19. Jahrhunderts: 13. Mai, ab 10 Uhr; Auktion Miscellaneen & Trouvaillen des 15.–19. Jahrhunderts und Dekorative Grafik: 14. Mai, ab 10 Uhr; Auktion Kunst des 20. Jahrhunderts: 15. Mai, ab 10 Uhr.

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