Kultur : Blaue Pille

THEATER

Christoph Funke

Dicke Bücher braucht man nicht mehr zu lesen. Was in ihnen steht, befördert eine blaue Pille sofort ins Gehirn. Und so gehen, irgendwo in Russland, zwei Frauen und fünf Männer auf den Dostojewski Trip . Die Halluzinationen der aus der unerträglichen Wirklichkeit Geschleuderten bringt Vladimir Sorokin in den Szenen seines gleichnamigen Stücks in eine fantastische, von Leid, Liebe und Wut geprägte Beziehung zu russischer Kultur, Geschichte und Gegenwart. Alles hängt miteinander zusammen: Dostojewskis Ringen um Sittlichkeit im Roman „Der Idiot“ mit Kindheitserinnerungen an die Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg, das Mühen um selbstlose Liebe und vollkommene Existenz im Roman mit den hysterischen Visionen von Reichtum, hemmungslosem Sex und Weltbeglückung der heute Lebenden. Nach der höhnischen Satire seiner „Krautsuppe tiefgefroren“ (Maxim Gorki Theater) und dem glühenden Bekenntnis zu vielleicht doch lebbarer Liebe in der „Hochzeitsreise“ (Gruppe Praktika Moskau) erweist sich „Dostojewski Trip“ (Rote Fackel, Nowosibirsk), das dritte Stück des Sorokin-Festivals im Maxim Gorki Theater , als Pamphlet. Dostojewskis kühner Versuch, Sanftmut und Opferbereitschaft in einem einzigartigen Menschen, dem Fürsten Myschkin, zu feiern, taugt gerade noch zum Drogenrausch. Die Theatergruppe aus Sibirien nähert sich der rücksichtslosen Radikalität des Textes mit großer Konzentration. Aus dem Dunkel eines durch fahrbare hölzerne Wandsegmente eingegrenzten kreisförmigen Raumes heraus lösen sich die Figuren, bauen unterschiedlichste Schicksale monologisch auf, von Ruhe und verzweifelter Müdigkeit bis zum ungehemmten Ausbruch. Die Inszenierung von Jurij Umow übersetzt den Drogenrausch ins Spielerische, ohne der hemmungslosen Aggressivität Sorokins auszuweichen.

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