Kultur : Blaue Stunde

THEATER

Michaela Soyer

49 Videoschnipselabende hat Jürgen Kuttner hinter sich gebracht. 1996 präsentierte er zum ersten Mal in der Volksbühne Ausschnitte aus dem DDR-Fernsehen und der öffentlich-rechtlichen Asservatenkammer. Im Gegensatz zu Kuttner ist sein Publikum in den letzten acht Jahren nicht gealtert. Einige tragen Zahnspange und kennen die DDR wahrscheinlich nur noch aus Schulbüchern. Es soll etwas Besonderes werden an diesem 50. Abend, der nur mit Musikschnipseln gefüllt wird. Der Hegelschen Dialektik verpflichtet kündigt Kuttner den Schnipsel an, dann wird als Antithese der Ausschnitt abgespielt. Die „Synthetisierung“ übernimmt die „Volksband“ des Hauses.

Natürlich sind die Videos großartig. Cindy und Bert covern „Paranoid“ von Black Sabbath. Reduziert auf das deutsche Gartenzwergidyll wurde daraus der Schlager „Der Hund von Baskerville“. Die junge Marianne Rosenberg bittet Paul Mc Cartney singend um eine Antwort auf ihre Liebesbriefe und Alexandra („Zigeunerjunge“) hängt mit Paul Kuhn – Whiskey-Glas in der einen, Zigarette in der anderen Hand – betrunken auf einer Talkshow Couch herum. Das ist unterhaltsam. Anstrengend sind jedoch die kabarettistischen Kommentare des Dr. Jürgen Kuttner. Beiläufig schüttelt der Kulturwissenschaftler gesellschaftliche Analysen aus dem Ärmel. Doch Kuttner gefällt sich nach acht Jahren zu sehr in seiner Rolle. Er weiß, dass er klug ist, er weiß, dass seine Videoschnipselabende Kult sind. Er ist umgeben von einer Aura aus Selbstgewissheit und quatscht die Videoschnipsel tot. Dazu ist er eigentlich zu klug. Hoffentlich.

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