Kultur : Blaue Stunde

Afrika reicht bis zum Nordpol: Polemische Kunst von Chris Ofili und Isaac Julien in Hannover

Christina Tilmann

Man denkt an Nymphen und Sirenen, schmale, schöne Frauen mit fließendem Silberhaar. An Nachtspaziergänge durch den Wald, wenn sanft das Mondlicht auf den Hügeln schläft. Man erwartet Einhörner und blaue Reiter, Fabelwesen und den Mann im Mond. Und dann hockt da eine Skulptur, „Silver Moon“, eine schöne lockenköpfige Frau mit spiegelnd blankgewischtem Hintern, und hinter ihr schlängelt sich eine Wurst aus ...

Das Heilige und das Profane geht bei Chris Ofili, Turner-Preisträger, bad boy der britischen Kunst, gern Hand in Hand. Etwa, wenn er ein Madonnenbild, prächtig und schön, auf Füße aus Elefantendung setzt. Diesmal allerdings, bei der Ausstellung jüngster Werke in der Kestner Gesellschaft Hannover, schlägt das Pendel eindeutig in Richtung Schönheit. Großformatige Leinwände strahlen in Tiefblau und Silber. Eine Hommage an die deutsche Künstlergruppe des Blauen Reiters, aber auch die blaue Blume der Romantik, Picassos blaue Periode, die tanzenden Schemen eines Henri Matisse, die fließenden Linien des Jugendstil, und dazu die exotische Nachtschwärze der Karibik – Ofili lebt in Trinidad/Tobago.

Sehnsuchtsbilder, Traumvisionen, aber auch, nun ja, ziemlicher Kitsch. Ofili bedient sich großzügig quer durch die Kunstgeschichte, kompiliert daraus seine eigene Vision, und die ist ungebrochen sinnlich, voller üppiger Frauenakte, und macht auch vor Exkrementen nicht halt. Eine Anverwandlung europäischer Traditionen aus afrikanischem Geist. Ofili, 1968 als Sohn nigerianischer Einwanderer in Manchester geboren, lädt europäisches Kulturgut mit Exotismen und Volkskunstelementen auf und steht gleichzeitig mit seiner Kunst für eine postkoloniale Welt, in der es so etwas wie Authentizität und Ursprünglichkeit nicht mehr gibt. Eine polemische Diagnose, die mit Elefantendung und Exkrementenschlangen oft geradezu aggressiv werden kann – oder sie verschwimmt, wie in Hannover, friedlich im sanften, silbernen Mondlicht.

Ein ähnlich gelagerter Fall ist ebenfalls in Hannover zu besichtigen: Isaac Julien, international gefeierter Videokünstler, nimmt den nord-südlichen Kulturtransfer beim Wort und versetzt in der Videoinstallation „True North“ (2004) die schwarze Schauspielerin Vanessa Myrie an den Nordpol. In Felljacken gehüllt, stapft sie durch den Schnee, man hört ihr Keuchen, hört den Schnee knirschen, die Schlittenhunde bellen, irgendwann steht sie im dünnen weißen Kleid am Polarmeer, es sieht aus wie ein tropischer Strand, doch die Eistemperatur fühlt man trotzdem. Opulente Bilder, im Breitwandformat, und gleichzeitig eine Richtigstellung: 1909, als Robert E. Peary seine Arktisexpedition unternahm, wurde er begleitet von dem Schwarzamerikaner Matthew Henson, der vermutlich als erster den Nordpol erreichte. Man hat ihn gleichwohl vergessen.

Vom Norden in den Süden: In „Fantome Afrique“, einem Videofilm von 2005, taucht man mitten ins quirlige Straßenleben von Ouagadougou, Zentrum der afrikanischen Filmindustrie. Und folgt wiederum Vanessa Myrie durchs ländliche Burkina Faso, in ein ausgestorben wirkendes Lehmdorf. Afrika zwischen Großstadt und Dorf, gefasst mit dem Blick eines im Londoner East End aufgewachsenen Künstlers. Wie Ofili lebt und wechselt auch Julien zwischen den Welten, spricht eine Bildsprache, die sich aus beiden speist.

Brüder im Geiste: Die beiden Künstler sind befreundet. In der Ausstellung hängt ein Bild von Ofili, das einen jungen Mann mit kurzen, lockigen Haaren zeigt. Es ist Isaac Julien.

Chris Ofili, „the blue rider extended remix“, Isaac Julien, „true north – fantome afrique“, beides Kestner Gesellschaft Hannover, bis 20. August. Katalog Ofili 44 €, Katalog Julien (Hatje Cantz) 35 €

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