Kultur : Blauwale und rote Socken

Unerhörte Ereignisse: Ulrike Almut Sandigs Prosadebüt „Flamingos“

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Das Trampolinspringen hat es Ulrike Almut Sandig angetan. Je nach Übungsgrad schnellt man in die Luft, bis am Scheitelpunkt ein Moment der Bewegungslosigkeit erreicht ist. Dieses Innehalten mitten in der Bewegung dient der jungen Lyrikerin aus dem ostsächsischen Großenhain, die heute in Leipzig lebt, auch als poetologisches Verfahren für ihre Prosa. Über die titelgebenden rosa Vögel, die später noch einmal blitzlichtartig auftauchen, heißt es programmatisch: „Sie erwecken den Anschein, als wären sie gar nicht da. Sie sind aber da. Sie stehen mitten unter uns, und sie sind schwer. Doch auf der Oberfläche der seichten Gewässer laufen sie uns davon. Und dann fliegen sie auf.“ Ähnlich in Widersprüchen befangen und alleinstehend, dabei immer aufbruchbereit, präsentieren sich die meist jugendlichen Protagonisten ihres Prosadebüts.

„Flamingos“ versammelt elf Texte, die sich „Geschichten“ nennen, obwohl die meisten nach bester Novellen-Tradition um ein unerhörtes Ereignis kreisen. Da tut sich eines Tages auf der Stirn von Dorothea Kupic, einer Dame reiferen Alters, etwa ein drittes Auge auf. Obwohl sie es zu kaschieren versucht, ermöglicht es ihr eine neue Weitsicht, die bis ins All reicht. Das ist schön für sie, aber nicht weiter erkenntnisstiftend. Ähnlich ergeht es den Kindern und Jugendlichen, von denen die meisten anderen Geschichten handeln und aus deren Perspektive sie erzählt sind. Da geht es um das Schicksal der stark sehbehinderten Cellistin Anja. Als die größte Begabung des Schulorchesters tödlich verunglückt, scheint sie einen Moment lang zu fliegen. „Hush little Baby“ handelt von dem Hamburger Säugling Kai Arno, der offenbar seinen ungeborenen Zwillingsbruder in sich trägt und sich dadurch im wahrsten Sinne zu einer gespaltenen Persönlichkeit entwickelt: „Ich bin aber nicht allein, dachte Kai Arno nahezu täglich. Ich bin niemals allein. Ich war schon immer zu zweit!“

In derlei biedere Formulierungen verpackt die Autorin das romantische Doppelgängermotiv und droht es damit zu verschenken. Auch die Freundschaft der Schülerinnen Anja und Iris oder die Rivalität zweier Schwestern in „Salzwasser“ übersteigt kaum das psychologische Reflexionsniveau von „Hanni und Nanni“. Das überrascht umso mehr, als die 1979 geborene „Edit“-Herausgeberin Ulrike Almut Sandig mit ihren intensiven Prosagedichten „Streumen“ aufhorchen ließ. Mit ihrem spröde-sensiblen Ton gewann Sandig bedeutende Auszeichnungen wie den Lyrikpreis Meran 2006 und zwei Jahre später den Leonce-und-Lena-Preis.

Doch in ihren Geschichten macht sich die Autorin kleiner, als sie ist. Ohne Not verfällt sie ins Kindchenschema. Leichtfüßig, aber auch belanglos werden Begebenheiten geschildert, die durch das Zitieren von dpa-Meldungen („Berlin – Orkanmeldung für alle Bundesländer“) nicht origineller werden. Der verwunschene Märchenton, den sie häufig anschlägt, insinuiert Geheimnisvolles. „Weil ich ja selber ein Mädchen bin, das bloß unterm Faltenkostüm versteckt gehalten wird“: So definiert sich die Erzählinstanz in „Über mich“, jenem Text, der neben der autobiografisch getönten Schulerinnerung „Dreitausend Blauwale“ am ehesten das Versprechen der Trampolinspringerin auf Innehalten im Ungewohnten einlöst: „Das ist die Geschichte von jemandem, den es nie gegeben hat. Sie handelt von mir. Ehrlich gesagt ist es keine Geschichte, in der besonders viel passiert.“ Und dann geschieht eben doch sehr viel, gerade durch das Versteckspiel der angeblich inexistenten Erzählerin.

Wird es in dieser Geschichte durch eingestreutes Sächsisch und „rote Socken“ plötzlich östlich, so sind die „Dreitausend Blauwale“ von Anfang an im Oberelbischen verortet – einer abgeschiedenen Landschaft fernab der Meere. Umso größer daher die Sehnsucht des Schulmädchens frühmorgens im Überlandbus nach dem Rauschen des Wassers rund um die Wände des Ärmelkanal-Tunnels. So endet, was mit dem Rosa der Flamingos beginnt, mit einem ernsten Blau als Farbe der Sehnsucht. Dieses Blau steht Ulrike Almut Sandig eindeutig besser.

Ulrike Almut

Sandig:
Flamingos.

Geschichten. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2010. 173 Seiten, 17,90 €.

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