Bleaching: Weiße Zähne als Statussymbol : Das neue Blendwerk

Kaum ein Körperteil ist so aufgeladen wieder Zahn: mystisch, furchteinflößend, furchtgebietend. Sein Strahlen ist normativ, unnatürlich – und neuerdings ein Must-Have

Elisabeth Wagner
Ein makelloses Gebiss ist in Hollywood Pflicht. Angelina Jolie zeigt eins.
Ein makelloses Gebiss ist in Hollywood Pflicht. Angelina Jolie zeigt eins.Foto: dpa

Als Nächstes kommt das Laser-Bleaching. Damit wird man die Ergebnisse des Power-Bleachings toppen können. Der Laser wird das Wasserstoffperoxid in die Zähne hämmern, und hinterher, wenn die Schutzbrille abgenommen ist, wird man den Zähnen weder ihre menschliche Herkunft noch irgendwelche Rotweinkontakte ansehen. Jede Spur von Genuss wird entfernt sein, und es wird aussehen, als sei der Mensch allein schon seiner Zähne wegen zum Triumph und zur guten Laune verdammt. Unvorstellbar, dass ein Gebiss, wie alles am Körper altern, in diesem Fall heißt das, nachdunkeln könnte. Zähne in Laserweiß tun das nicht. Der Zahn der Zeit kann ihnen nichts mehr anhaben, und einzig Leute, die sich die paar hundert Euro nicht leisten können oder aus irgendwelchen sentimentalen Gründen an einem weniger heroischen Menschenbild hängen, werden traurig oder stolz und wehmütig sein und die Falten und alten Zähne weiter tragen.

Die Traurigkeit ist schon da. Eine leise Scham, die dazu führt, dass man das makellose Lächeln der schönen Bleachingspezialistin Melanie Heyden nur zögerlich erwidert. Die Perfektion ihrer Zähne ist, unabhängig von der Perfektion ihrer Nase, bereits dank Power-Bleaching ziemlich enorm. Automatisch fragt man sich, was Frau Heyden bloß denken mag. So etwas wie „die Arme“ oder „mein Gott, dieses Gelb“? Sie streitet es ab. Nein, sie habe keinen Zensor im Kopf, sagt sie. „Es lächelt sich aber natürlich leichter mit weißen als mit gelben Zähnen.“

Zähnezeigen galt früher als nicht besonders chic, eher schon verdächtig

Aus Trotz könnte man an dieser Stelle an das Lächeln der Mona Lisa denken. Daran, dass Zähne zum Beispiel in der Malerei selten vorkommen. Auf den Bildnissen der Renaissance, und auch sehr viel später im 19. Jahrhundert sieht man jedenfalls keine. Außer es sind die Zähne des Liebesgottes oder die eines anderen Trickbetrügers wie der Tod. Wer die Zähne entblößte, der hatte offensichtlich Absichten, es galt als aufdringlich und nicht besonders chic. Diese Einschätzung hat sich verkehrt. Zähne zu zeigen ist in einer Leistungsgesellschaft keine gewagte Attitüde, nichts Frivoles, sondern schlicht alltägliche Pflicht. Das Bleaching entspricht dabei dem Wunsch nach Anpassung. Fast könnte man von einem Zwang sprechen.

Die Ebenmäßigkeit muss sich zur Gleichförmigkeit steigern. Die unterschiedlichen Farbtöne der Jugend und des Alters nivellieren sich zu einem aggressiven Leuchten. Das menschheitsalte Ideal gesunder, weißer Zähne genügt dafür nicht. Selbst Profis wie die 30-jährige Melanie Heyden warnen vor Übertreibung. Hin und wieder, sagt die Mutter einer einjährigen Tochter, lehne sie eine Behandlung ab. Junge Mädchen, noch keine 18, die meinen, ihre Zähne genügten der eigenen Zukunft nicht, bekommen von ihr ein Nein. Sie selbst sei mit ihren Zähnen schon an der Grenze: ein Schritt weiter auf der Bleaching-Skala, und das Weiß würde ins Bläuliche kippen. Sie wäre dann dort, wo sie nicht hinwill: im „Zuviel“.

„Weiße Zähne signalisieren Gesundheit und Erfolg“

Zu viel oder nicht: Ein Gesamtkonzept nennt man die Zähne plus das Lächeln heute. Ob man das Gefühl habe, bleachen zu müssen oder nicht, hänge von den Kreisen ab, in denen man sich bewegt. „Weiße Zähne signalisieren Gesundheit und Erfolg“, sagt Melanie Heyden. Wer erfolgreich wirken will, muss sich sputen. Nicht nur das Gebiss, befreit von Karies und Plaque, danach kosmetisch aufgehellt, soll erstrahlen. Auch die Gegend um den Mund wird in die Planung einbezogen.

Es gehört, weiß Melanie Heyden, inzwischen zum Standard der in der ästhetischen Zahnmedizin schwerpunktmäßig tätigen Praxen, neben jeder gewünschten zahnmedizinischen Leistung selbstverständlich auch Faltenunterspritzungen anzubieten. Falten passen nicht zu gebleichten Zähnen. Sie widersprechen einem Mund, aus dem die Erfolgsmeldungen purzeln sollen. Das Lächeln müsste sich schämen. Oder sich darauf besinnen, dass die Welt des Erfolgs kleiner ist, als es das Dental SPA für möglich hält.
Nur ein paar Bushaltestellen und S-Bahnstationen weiter, im Wartezimmer der Obdachlosenärztin Jenny de la Torre spielt die Farbe des Lächelns keine Rolle mehr: Die Zahnärztin sei im Urlaub, heißt es. Eine junge Frau mit langen dunkelblonden Haaren ist in Rage. „Was denkt die Alte, dass sie mich fragen muss, warum ich keinen Kontakt zu meiner Mutter habe.“ Der junge Mann, neben ihr, beruhigt: „Die wollen dir hier doch nur helfen“, sagt er. „Ich weiß“, flüstert die junge Frau zurück und hebt, wie um nachzusehen, welche Anmerkungen und Fragen die Welt sonst noch hat, langsam ihren Blick.

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