Kultur : Bleib, wo du bist

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über umtriebige Essayisten und rastlose Romanciers

Das Bücherfest auf dem Bebelplatz fällt dieses Jahr aus, anders als der „Literaturort Prenzlauer Berg“. Nach dem sonntäglichen Literaturfest am Kollwitzplatz treten jeden Abend gute Bekannte auf: Heute liest Wolfgang Hilbig aus dem Erzählungsband „Der Schlaf der Gerechten“ (S. Fischer), der noch einmal die giftig schwelenden Tagebaue seiner Kindheit umkreist und am Ende vom Mord an einem StasiMann erzählt, dessen Leiche der Erzähler an seinem einstigen Arbeitsplatz, der still gelegten Werksheizung, entsorgt ( Bibliothek am Wasserturm , Prenzlauer Allee 227/228).

Morgen folgt die umschwärmte und unermüdliche Judith Hermann mit ihren Bestseller-Erzählungen „Nichts als Gespenster“ (S. Fischer; Georg Büchner Buchladen , Wörther Str. 16); am 15.5. suhlt sich André Kubiczk in seinem Kolportageroman „Die Guten und die Bösen“ (Rowohlt; Bettina-von Arnim-Bibliothek , Schivelbeiner Str. 7/8); am 16.5. trägt Ulrike Kolb in der Kurt-Tucholsky-Bibliothek (Esmarchstr. 18, alle Termine 20 Uhr) das Nachtgeflüster ihrer Eurydike aus „Diese eine Nacht“ (Klett-Cotta) vor, das den im Koma liegenden Geliebten Zott ins Leben zurückholen soll. Die Literaturwoche endet am Samstag, dem 17.5., mit einer Lyriknacht , in der Elke Erb, Tanja Dückers, Björn Kuhligk, Johannes Jansen und andere auftreten ( Theater unterm Dach , Danziger Str. 101, 22 Uhr).

Bleiben wir im Kiez. In der Literaturwerkstatt suchen am 15.5. um 20 Uhr zwei junge Autoren nach der Heimat. Der in Rumänien geborene und in der Schweiz lebende Dorian Catalin Florescu schickt seine Figuren nach Osten, doch „Der kurze Weg nach Hause“ (Pendo) birgt Überraschungen. Bei Gregor Sander fahren sie zu deutschen Freunden oder zu Freundinnen von Bekannten, die spurlos verschwunden sind. Dort sitzen sie wortkarg in den Küchen umher, beschweigen wenig kommunikativ, aber atmosphärisch die Vergangenheit und beschließen dann einfach, dort zu bleiben, wo sie nun mal sind. Manchmal sagen sie auch noch: „Ich aber bin hier geboren“ (Rowohlt).

Eliot Weinberger ist in den USA geboren und ein Weltbürger. Seine unamerikanisch umtriebigen Essays „Kaskaden“ (Suhrkamp) handeln von Dichtungstheorie, portugiesischer Kolonialpolitik, Kambodscha, Nacktmullen, von Island als der perfekten Gesellschaft und Indien als Traum: „In Indien haben die Mädchen derart festes Fleisch, dass man sie nirgendwo drücken oder zwicken kann.“ Britta Gansebohm drückt und zwickt Weinberger am 17.5. in ihrem Salon ( Podewil , 20.30 Uhr).

Jeder stirbt für sich allein, und vorher schreibt man allein. Letzteres war nicht immer so. Im jungen Sowjetrussland schrieben Schriftsteller kollektiv, und im Literarischen Colloquium , das vor vierzig Jahren gegründet wurde, taten es ihnen 14 damals noch unbekannte Autoren gleich. Peter Bichsel war unter jenen, die damals von Günter Grass, Peter Rühmkorf und anderen angeleitet wurden, und alle drei lesen am 19.5. um 20 Uhr aus dem Kollektivroman „Das Gästehaus“ und erinnern sich.

Zuletzt setzen wir nach Zypern über, auf die seit der türkischen Invasion 1974 geteilte Insel, deren Grenze in den letzten Wochen überraschend durchlässig geworden ist. Fünf zypriotische Schriftsteller, allesamt hochpolitisiert, stellen sich am 19.5. und 20.5. in der Literaturwerkstatt vor (jeweils 20 Uhr). Unter ihnen Niki Marangou : „Lefkosia, meinte Christophorus, besitzt eine Spannung, die die Green Line verursacht. Alle, die diesseits sind, möchten unheimlich gern nach drüben gehen, und alle, die dort sind, wollen hierher. Das erzeugt einen Überdruck in der Stadt. Die Stadt hat eine Beziehung zu Konstantinopel und zu Thessaloniki und gar keine zu Athen.“

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