Kultur : Bleistiftzeichnungen: Brandenburgs negative Ästhetik

Matthias Mühling

Der Ursprung des prädigitalen Fotos ist das Negativ. Es regelt den Einfall des Lichts auf das Fotopapier: ein Verfahren, in dem aus Schwarz Weiß wird. Dieser Prozess einer Umkehrung ist die Geburt einer Fotografie. Die Genese der Bleistiftzeichnungen von Marc Brandenburg geht den umgekehrten Weg: Am Anfang steht das Foto, von ihm zeichnet er sein Negativ ab. Aus eigenen fotografischen Vorlagen und gefundenem Bildmaterial entsteht die Zeichnung als Zweitverwertung von Bildern, deren zusätzliche Entfremdung sich in der Umkehrung von Schwarz und Weiß manifestiert. Seine Bilder lassen, als wollten sie Walter Benjamins Thesen zum Kunstwerk parodieren, aus Reproduktionen wieder "Original-Negative" entstehen und sind zugleich doch abgezeichnete Kopien. Die Beziehung von Original und Kopie wird paradox verkehrt. Vom Foto zum gezeichneten Negativ gestaltet sich die verdrehte Entstehungsgeschichte der exzellent komponierten Bildwelten.

Filmsurrogate

Brandenburg ist ein Streuner zwischen den Gattungen: Kino, Video, Werbung und Fotografie sind die Medien, die er in eine Intimität übersetzt, die nur der Zeichnung eigen sein kann. Die Kombinationen aus Einzelbildern, die er in der Serie "White Rainbow" zusammengestellt hat, definieren sich durch den dynamisierenden Wechsel von Gegenständlichem und in Bewegungsunschärfe verschwommen Bildern (drei- bis siebenteilig, 3000 bis 7500 Mark). Brandenburgs Talent hatte sich bisher gerade in der Zusammenstellung von Einzelbildern zu Typologien und Serien gezeigt, deren narrative Konstruktionen einen filmischen Modus der Beschreibung für die Zeichnung etablieren. Seine früheren Serien "Meddle" und "Tiergarten" sind dieser Technik genauso zuzurechnen wie die aktuelle "White Rainbow".

Die in der Ausstellung in Reihe gehängte Serie erinnert an Sequenzen aus Filmen, deren Soundtrack man zu hören glaubt. Ein Amalgam aus dresscodes, Fußball, Sex und labels ist der Stoff, aus dem sich die Visionen seiner Bildstrecken zusammen setzen. Sie kolportieren den hysterischen Hedonismus einer Konsumwelt, deren vertraute Erscheinungen in der Umkehrung von Schwarz und Weiß halluzinative Qualitäten erreichen. Ein Bild von "The Who", eine in den USA verbotene Variante der Calvin Klein Reklame, Alltagsgegenstände, pornografische Stereotypen und als Leitmotiv immer wieder ein Fußball, zeigen das Konglomerat einer weithin ausgreifenden zeitgenössischen Popkultur. Hier entwickelt sich eine fortlaufende Etüde, deren Referenzen sich auf Bildschirmoberflächen, Werbeträger und Unterhaltungsmedien zurückführen lassen. Gleichzeitig vermischt sich dieser Bilderbogen in der filigranen Zeichnung mit privaten Bezügen. Die Medienwelt der Popstars und Models wird zu einem subjektiv anmutenden Panorama individualisiert, während die Abbilder von Menschen aus der persönlichen Lebenswelt des Künstlers in den Status von Idolen erhoben werden.

Erotik der Dinge

Die Bleistiftzeichnungen leben von der Nähe zu den Dingen - von der Intimität, den die unentwegte Abfolge der mikroskopisch genau gescannten Außenhaut der Dinge und Körper beim Betrachter erzeugt. Der Blick seziert die fetischhaften Außenhüllen einer ikonisch verdichteten Welt aus Designerlabel und Körpern und dringt so, anders als die Kamera, noch hinter die Oberflächen vor. Die erotische Codierung entwickelt sich entlang der Darstellung des Körpers, er ist der Ort an dem sich die Ästhetik der Zeichnung entfaltet.

Die Bildserie der "Droogs" (Bleistift auf Papier 3500 bis 14 000 Mark) greift eine Wortschöpfung von Anthony Burgess auf, dessen Roman "A Clockwork Orange" Stanley Kubrick kongenial verfilmt hat. Die "Droogs" sind die drei Erfüllungsgehilfen des 15jährigen Alex, die mit ihm durch die Gegend ziehen und in Vergewaltigungs- und Gewaltexzessen ihre Mitmenschen tyrannisieren. Von der polizeilichen Gewalt inhaftiert, wird Alex dann selbst zum Opfer einer Gesellschaft, die ihn mittels audiovisueller Konditionierung unbarmherzig zu resozialisieren sucht. Kubricks Darstellung einer ästhetisierten und sexuell aufgeladenen Gewalt wird in den Bildvisionen Brandenburgs immer wieder zitiert. Er portraitiert sich selbst als sein Negativ: als weißer "Droog" mit Baseballschläger und im grotesk kombinierten Outfit aus Norwegerpullover und Tropenhelm. Auch in "White Rainbow" verweisen die aufgesetzten langen Nasen auf die bedrohliche Atmosphäre des Kubrickfilms. Die Requisiten der nächtlichen Vergewaltigungsszene werden zu libidinös besetzten Zeichen isoliert. Innen und Aussen, Physisches und Psychisches verbinden sich zu einer wechselseitigen Projektion von Latenz und Ausbruch, von Gewalt und Sexualität.

Stilistisch brilliant, realistisch und surreal zugleich breitet sich das Panorama von Brandenburgs Bildwelten aus. Ein visuelles Universum, das auf der Suche nach einer zeitgenössischen Interpretation der klassischen Genre Porträt und Stillleben über die Bleistiftzeichnung einen genial wie einfachen Zugang zur Welt der Massenmedien gefunden hat. Die Ambivalenz der eingeschriebenen Bedeutungen, deren Entschlüsselung nicht zuletzt durch den diskursiven Kontext des Betrachters determiniert sind, werden dabei instabil und flüssig gehalten.

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