Kultur : Blick ins Herz

KLAUS HAMMER

Gemarterte und Verzweifelte, Hoffende und Liebende, Polarisierungen und Vermischungen des Humanen und Barbarischen, Martyrium und Ecce homo, Arkadischer Akt mit Beinen nach oben, Großer schreitender Mann und Großer trauernder Mann, Große Neeberger Figur und Penthesilea-Gruppe, die Frau als Symbol der Unzerstörbarkeit und der vom Leben gezeichnete, mit Erfahrungen belastete Mann, Körper-Einblicke und Torsi als eine Form der Konzentration auf das Wesentliche, als "Porträt des Leibes".Er sei Bildhauer geworden, so äußerte sich Wieland Förster 1977 in einem Gespräch, weil er "an ganz bestimmten Grundverletzungen litt, mit denen ich sehr schwer fertig geworden bin ...Es war der Versuch, aufzuarbeiten, was an Erschütterungen von der Zeit her in mich eingedrungen ist".

Dresden ehrt den dort 1930 geborenen, seit den sechziger Jahren in Berlin und im Land Brandenburg lebenden Bildhauer mit einer großen Einzelausstellung.Sie will nicht eine der üblichen Retrospektiven sein, sondern zieht in bewußter Konzentration auf Figur, Porträt und Landschaftszeichnung Längs- und Querschnitte durch das Werk.Während einerseits thematisch verwandte Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensphasen zusammenrücken, werden andererseits Werkgruppen auseinandergerissen und als Einzelwerke gänzlich neu präsentiert, scheinbar nicht zusammengehörende Arbeiten in ein neues Beziehungsfeld gesetzt, so daß sich nicht nur Themenentfaltung, sondern auch Formabläufe auf neue und aufregende Weise verfolgen lassen.

Förster hat Biographisches als das nur ihm Verfügbare in die bildhauerische Metapher übertragen."Erschossener", ein Klumpen Mensch vor der Erschießungsmauer, entstand aus dem Entsetzen über die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968.Aus einem Sandsteinfindling hat der Künstler im Juli 1974 einen "Männlichen Torso" gehauen: "Bin bei der Arbeit immer so erregt, als hinge von dieser Stunde meine ganze Existenz ab: die Folge Herzflattern und Armlähmung, so daß ich, wie heute, in Angst lebe; Herzinfarktangst - die Symptome sind alle beisammen." "Einblick IV" (1978) vermittelt erregende Verläufe, Hebungen und Senkungen, die Epidermis ist von einem Gespinst von Buckelungen und linearem Geäder überzogen: "Hier stirbt jede Macht, sie wird nicht bekämpft, nicht besiegt, sie erlischt".Paar-Kompositionen treten von dem 1969 modellierten Liebesakt - sie Horizontale, er Diagonale -, über Hero und Leander bis zur vierten Penthesilea-Fassung immer mehr in den Vordergrund.In ihnen wird jener Konflikt, jener unerlöste Widerspruch von Leben und Tod, von Aggression und Erleiden, von Sinken und Trotzen auf zwei Figuren übertragen.Mit der dritten und vierten Fassung setzt Förster eingepfählte, aufragende Zeichen, Weib und Mann in der Gleichwertigkeit, als Symbol schöpferischer Potenz schlechthin.Der Torso hebt mit der Vollständigkeit auch die Vereinzelung der Figur auf und sperrt sich nicht gegen Verbindungen, Verschmelzungen, Überlagerungen.Förster erfindet Verzahnungen und Verschränkungen, Formen, die einander verschlingen, andere, die sich verkrallen, die überlappen und überquellen.So wird der Körper zur flammenden, zuckenden, auffahrenden Form, zur lodernden Landschaft, diese zu organischem Leben mit allen Zeugungsmerkmalen erweckt.Der menschliche Leib ist vitalisiert, Quelle physiognomischer Energien, er artikuliert sich zu einem Erregungsträger.Erregung ist für Förster Bewegung, Drehung, Krümmung, Zusammenballung und Streckung, Wendung, Taumel und Ineinanderstürzen aufgerissener, torsierter Leiber.

Einen besonderen Schwerpunkt der Präsentation bilden die Werke der neunziger Jahre.Indem Förster den Bewegungsspielraum seines Torsos "Das Opfer" (1994) so weit wie möglich beschneidet, ihn zum wahrhaften Stand-Bild einengt, den Rumpf mit den Beinen zu einer durchlaufenden Senkrechten vereinigt, revoltiert bei ihm die Gebärde gegen die beharrenden, lotgerechten Formabsprachen, gegen die Mitte des Leibes, gegen das sicher Umgrenzte, gegen die maßvoll abgestumpfte Form.Der Schnitt, der durch den Körper hindurchgeht, läßt keine Versöhnung zu.Über die Daphne-Gestaltungen mit ihrer schwellenden, leicht drehenden, sich ständig verschiebenden Form, die dem barocken Prinzip der figura serpentinata ähnelt, gelangt Förster zur überlebensgroßen "Niobe 89" (1998), seinem jüngsten Werk.Die zeichenhaft aufsteigende, überlängte Figur ist durchs Feuer gegangen, das Flügelpaar verkürzt, verbrannt, der Körper mit Narben bedeckt, und doch hat die symbolische Gestalt eine neue Freiheit gewonnen, eine innere, fast übermütige, tänzerische Beschwingtheit, die aus der "Altersfreiheit" des Künstlers gewachsen ist.Kündigt sich hier bereits eine neue bildhauerische Handschrift an?

Dresden, Albertinum, bis 22.November.Katalog 35 DM.

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