Kultur : Blick nach vorn im Zorn

ANDREAS KRIEGER

So ein Gedrängel gibt es sonst nur beim Schlußverkauf.Das Deutsche Theater und die Kammerspiele haben zu ihrem traditionellen "Tag des Theaters" eingeladen - da strömen die Berliner in Massen herbei.Vom Techno-Girlie mit den weinroten Rastas bis zum Geschäftsmann im Anzug, vom Rotzlöffel mit den Segelohren bis zur Oma mit Kopftuch sind Theaterfans jeder Art und jeden Alters mit dabei, wenn einmal im Jahr der Hochkulturtempel an der Schumannstraße zum Rummelplatz umfunktioniert wird.Die Bierbänke auf dem Platz vor dem Deutschen Theater sind mittags schon voll besetzt, durch die Frühlingsluft zieht der Geruch gebratener Würste, Buletten und Champignons.Die Sonne grinst unverschämt gutgelaunt vom Himmel und lockt den Schweiß aus allen Poren.

Der Hausherr persönlich spielt den Lockvogel: "Kommen Sie näher, treten Sie ein!" So wie Thomas Langhoff auf einem Podium in der Eingangshalle sitzend die Besucher begrüßt, erinnert er mehr an den Besitzer einer Achterbahn als an einen Theaterintendanten."Nur Mut, meine Damen, meine Herren.Wir freuen uns auf die Begegnung zwischen Ihnen und uns." Und der Begegnungen zwischen Schauspieler, Bühnentechniker und Zuschauer sind gar viele: Lesungen, Diskussionen, Führungen, Autogrammstunden und und und.Dutzende von Veranstaltungen, mit denen man fünf Tage füllen könnte, innerhalb von fünf Stunden.Viel Rummel, viel Theater - für null Eintritt.Sogar im Café gibt es zur Tasse Koffein gratis Klassiker-Kultur dazu: eine Videoaufzeichnung von 1963 mit der fabelhaften Inge Keller als Iphigenie.

Mit dem "Tag des Theaters" sollen in diesem Jahr nicht nur Sympathiepunkte für das Deutsche Theater gewonnen werden, sondern vor allem auch für Thomas Langhoff, dessen Vertrag von Kultursenator Radunski im Februar nicht verlängert wurde."Sie sind unsere Freunde", freut sich der gerührte Intendant über den lauten Beifall, mit dem er bei der Podiumsdiskussion im großen Haus empfangen wird."Blick nach vorn im Zorn" heißt die Veranstaltung, die Langhoff moderiert und an der fünf seiner Schauspieler teilnehmen.

Was erst eine selbstgerechte Abrechnung mit der Berliner Kulturpolitik zu werden droht, gerät zum strukturlosen, aber amüsanten Plauderstündchen."Sagt einfach, was ihr wollt", ermuntert Langhoff seine Schauspieler.Und die legen los."Ohne Ensemble wäre das Deutsche Theater nicht mehr das Deutsche Theater", bezieht Inge Keller - dienstälteste Schauspielerin des Hauses - Position.Auch ihre Kollegen nutzen die Gelegenheit, sich ausführlich über Radunski zu ärgern.Mit seiner Selbstkritik steht Guntram Brattia dagegen eher allein da: "Mich macht es zornig, daß wir es zugelassen haben.Jetzt bricht etwas auseinander, was nicht hätte auseinander brechen müssen." Mit hoffnungsvollem Trotz entläßt Langhoff die Zuhörer ins bunte Treiben: "Wir sind noch da.Wir leben noch."

Leben ist auch in der Vorhalle, wo sich mehrere hundert Menschen versammelt haben, die auf die Führungen durch das Haus warten.Die stellvertretende Intendantin Rosemarie Schauer teilt mit einer Handbewegung die Masse, wie einst Moses das Meer.Eine der beiden Gruppen folgt Ausstattungsleiter Eberhard Keienburg durch die Flure, Keller und Arbeitsräume des Theaters."Wenn Sie sich in einem verbotenen Gang rumtreiben, dann sind Sie des Todes", witzelt der Weißbärtige.Das ist natürlich Quatsch: Verbotene Gänge gibt es heute nicht.Selbst Türen, auf denen "Kein Durchgang" aufgedruckt ist, stehen weit offen, laden die Gäste zu Entdeckungstouren ein.

Die Zuschauer dürfen selbst ausprobieren, wie es sich auf den Brettern steht.Genau nehmen sie das Bühnenbild von "Torquato Tasso" unter die Lupe bzw.in die Hand.Da lüftet sich das Geheimnis von so manchen schönen Schein.Der saftige Rasen offenbart sich von der Nähe betrachtet als mit groben Stich zusammengenähte Stoffdecke und auch die Agaven des illyrischen Gartens sind nur aus schnödem Gummi.Keienburg zeigt den neugierigen Besuchern Dinge, die sie normalerweise nicht zu sehen bekommen.Einen schwarzen Kasten zum Beispiel, der sich am Rande der rechten Seitenbühne verbirgt und aussieht wie ein Klavier - es ist das Schaltpult des Inspizienten.Das sei der Mann, der sich für den reibungslosen Ablauf der Theateraufführungen sorge."Stunden vor der Vorstellung guckt der schon nach, ob die Stühle wackeln oder ob alle Bäume da sind", erklärt Keienburg "Bei der Aufführung gibt er den Schauspielern das Zeichen zum Auftritt."

Während sich die ganz kleinen Theaterbesucher im Hinterhof an bunten Phantasieinstrumenten oder auf der Probebühne beim Bewegungstraining austoben, geht es bei der nachmittäglichen Lesung im Rangfoyer der Kammerspiele um eine ernste Sache: deren Zukunft.Der Regisseur Stefan Otteni, der zusammen mit dem Dramatiker Martin Baucks und der Regisseurin Christina Paulhofer im Sommer die Leitung des kleinen Hauses des Deutsches Theaters übernehmen wird, präsentiert "Texte für die Kammer".Darunter auch ein Stück des "Tagesspiegel"-Autors Moritz Rinke: "Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte".Guntram Brattia spielt energiegeladen die Rolle des sarkastischen Regieassistenten Felix, der auf der Probebühne statt dem Romeo plötzlich dem Germanen Helmbrecht - knuddelig gelesen von Roman Pauls - gegenübersteht.Eine ungewöhnliche Zusammenkunft, die irgendwie programmatisch ist für den "Tag des Theaters": die junge Kammer trifft auf das alte Schauspielhaus, junge und alte Theaterfreunde auf junge und alte Theatermacher.Und alle haben einen Riesenspaß am Rummel.

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