Kultur : Blick ohne Lider

Sternstunde der Romantik: Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ im Spiegel der Literatur

Nicola Kuhn

Der Künstlergattin Helene Marie von Kügelgen wurde beim Anblick des Bildes plümerant. „Auf der ewigen Meeresfläche sieht man kein Boot, kein Schiff, nicht einmal ein Seeungeheuer, und in dem Sande keimt auch nicht ein grüner Halm, nur einige Möven flattern umher und machen die Einsamkeit noch einsamer und grausiger,“ schrieb sie an ihre Freundin Friederike Volkmann. Als eine der Ersten hatte sie im Dresdner Atelier von Caspar David Friedrich 1809 einen Blick auf den „Mönch am Meer“ werfen dürfen. Künftigen Betrachtern sollte es nicht anders ergehen. Ähnlich wie die Figur im Vordergrund, die, auf einem schmalen Strandsaum stehend, Himmel und Meer ausgeliefert ist, fühlt sich der Betrachter bis heute überwältigt.

Als Friedrich das Werk im Herbst 1810 auf der Akademie-Ausstellung in Berlin präsentierte, schlug das Bild in all seiner Stille wie eine Bombe ein. So etwas hatte das Publikum noch nicht gesehen; bislang zeigte Malerei Landschaft vornehmlich als einen domestizierten Ort der Lieblichkeit. Auch Clemens Brentano, Achim von Arnim und Heinrich von Kleist waren elektrisiert, denn dieses Werk war Geisteskind auch ihres Denkens. Mit dem „Mönch am Meer“ übersetzte endlich ein Maler ihre Ideen des Romantischen, von der Poetisierung der Welt in seine künstlerische Sprache.

Kleist bat deshalb die Dichterfreunde Brentano und von Arnim, für die von ihm herausgegebenen „Berliner Abendblätter“ eine Rezension des Bildes zu verfassen. Das ungleiche Autorenpaar, das kurz zuvor eine gemeinsame Wohnung als Dichterklause in der Mauerstraße bezogen hatten, verfasste – jeder für sich – auf einem Doppelblatt eine poetische Betrachtung des außergewöhnlichen Werks. Beide suchten das Phänomen der Verlorenheit, der Sehnsucht zu umkreisen, das in Friedrichs Mönchsfigur bildhaft geworden war. Im nächsten Schritt fasste Kleist den Doppeltext für die „Berliner Abendblätter“ zusammen, ergänzte um eigene Gedanken, was allerdings Brentano und von Arnim nicht gefiel.

Rückblickend erscheint diese Begegnung der Künste wie eine Sternstunde der Romantik. Die Re-Inszenierung dieses Moments fast 200 Jahre später in der Alten Nationalgalerie mit Hilfe von Gemälden, Autografen, Dokumenten hat noch immer magische Kraft. Das Essener Folkwang-Museum feiert Caspar David Friedrich gegenwärtig mit einer großen Schau und überwältigenden Zahl an Leihgaben aus der ganzen Welt. In der Berliner Studioausstellung jedoch wird das geistige Spannungsfeld spürbar. Hier könnte mit Recht der knallige Essener Titel „Die Erfindung der Romantik“ darüberstehen. Stattdessen heißt die in Zusammenarbeit mit dem Kleist-Museum Frankfurt/Oder erarbeitete Ausstellung schlicht „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“, wie schon die Originalausgabe in Kleists „Berliner Abendblättern“.

So viel Zartheit in der Titelwahl ist man von Ausstellungsmachern, die permanent Publikumsrenner produzieren müssen, kaum noch gewöhnt. Die kleine, feine Ausstellung auf der Museumsinsel hätte den Besuchererfolg verdient. Denn hier findet in der Begegnung von Friedrich, Brentano, Arnim, Kleist in aller Bescheidenheit ein Gipfeltreffen statt, für das das Publikum nach der großen „Melancholie“–Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie sensibilisiert sein müsste. Mit dem „Mönch am Meer“ und der „Abtei im Eichwald“, die der Maler als Ensemble 1810 in die AkademieAusstellung eingereicht hatte, sind in der Alten Nationalgalerie weiterhin zwei seiner wichtigsten Bilder zu sehen. Trotz vieler in die Essener Schau entsandten Leihgaben funktioniert das Berliner Friedrich-„Sanktuarium“ weiterhin.

Doch nicht stille Einkehr kann der Betrachter hier praktizieren. Stattdessen erlebt er die Geworfenheit des Individuums, seine Kümmerlichkeit vor dem Unendlichen. Am stärksten hat dies Kleist empfunden, der in seinem Beitrag eine der eindrücklichsten Metaphern für die Haltlosigkeit und Verlorenheit des Menschen fand: „So ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.“

Ein Jahr nach diesem „Gipfeltreffen“ nahm sich Kleist das Leben, die Dichterfreunde Brentano und von Arnim entzweiten sich, da von Arnim in aller Heimlichkeit Brentanos Schwester geheiratet hatte. Der erste Höhepunkt der Bewegung war überschritten, die Ideale der Romantik, die Verbrüderung der Künste und der Menschen, hatten ausgedient. Von Arnims 1811 gegründete Christliche Deutsche Tischgesellschaft, eine Art Salon der Romantiker, dem die wichtigsten Protagonisten angehörten, schloss laut Satzung jüdische Mitglieder aus. Die hehren Ideen, die Friedrichs Mönch in seinem berühmten Bild gehabt haben mochte, nahmen eine andere Richtung.

Alte Nationalgalerie, bis 27. Aug.; Di–So 10–18 Uhr, Dobis 22 Uhr. Katalog 15 €

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