Kultur : Blick um die Kurve

Jung, cool, ein Star: Der Schotte Jim Lambie stellt in der Berliner Galerie c/o Atle Gerhardsen aus

Simone Reber

Schwirren Drogen in der Luft, oder weshalb taumelt der Blick und schlingern die Gedanken? Mit seiner Installation „Rowche Rumble“ verpasst der schottische Künstler Jim Lambie den Besuchern der Galerie c/o Atle Gerhardsen eine Extradosis bewusstseinserweiternder Blickwinkel. Jim Lambie, 2005 für den Turner-Preis nominiert, stammt aus der quirligen Kulturszene von Glasgow, die der einstigen Werftenstadt eine neue Identität verliehen hat.

Auf dem Galerieboden breitet sich ein Wellenmuster von schwarzen und weißen Klebestreifen aus, nimmt die Form des S-Bahnbogens auf, in dem sich die Galerie befindet, und fließt zu den schwappenden Wellen der Spree, die vor dem Fenster in der Abendsonne glitzern. „Rowche Rumble“ ist wie Rock’n’Roll auf See. Würfel aus Beton scheinen auf den schwarz-weißen Wellen zu schwimmen, und in den Beton hat Lambie Langspielplatten eingegossen. Die Platten sind Täuschung, die Würfel echt: Eine Besucherin stößt sich schmerzhaft den Zeh. Bei Lambie treibt das Leben verträumt dahin und kollidiert manchmal mit der Wirklichkeit.

Als der Künstler über das Kopfsteinpflaster zur Galerie schlendert, ähnelt die Szene einem Musikclip von Anton Corbijn. Dunkles Jackett, weißes Hemd und schwarzer Schlips. Ein schmaler Mann mit federleichtem Händedruck. Die Augen vom langen Pony verdeckt. The Boy Hairdresser hieß die Band, in der Lambie in seiner Jugend mitspielte. Heute legt er nur noch als DJ auf. Seine Kunst spiegelt diese Perspektive, das Ineinander von zwei sich drehenden Scheiben, die Fusion unterschiedlicher Stile. Manchmal prallen Gegensätze aufeinander und schlagen Funken. „Explosionen ereignen sich auch im Leben“, meint Lambie in felsenhartem schottischem Akzent. Seine Sprache fließt nicht wie das Wasser, sondern rumpelt wie die Räder der S-Bahn. „Rowche Rumble“, ein Titel der Band The Fall von 1979, bezieht sich tatsächlich auf das bebende Rattern über den Köpfen der Besucher.

Dort oben hängt an der Decke der Galerie das Sternbild des Großen Hundes, nachgebaut aus Spiegeln vom Trödler. Die konkaven und konvexen Scheiben verzerren das Wellenmuster am Boden. Augen zieren die Halterungen. „Mir hat der Gedanke gefallen, dass Augen die Sterne zusammenhalten“, meint Lambie. Blitzartig huscht ein Lächeln über sein Gesicht und verglüht. Bei jeder Bewegung verdecken die dunklen Ponysträhnen seine Augen aufs Neue. Es ist, als würde dieser Pony den Künstler zwingen, in Kurven zu sehen und um die Ecke zu denken.

In einer Ecke hängt ein schwarzes Relief, das an die Maske des Zorro erinnert. Das Objekt stellt für Lambie eine Art Rorschach-Test dar, so wie Psychologen Tintenkleckse nutzen. Eigentlich hat er die Poster von Musikern collagiert und in Sperrholz nachgesägt. Warum assoziiert die Betrachterin einen edlen Räuber, wenn sich dahinter der Starschnitt von Lou Reed befindet? „Das ist die Hochzeit zwischen der realen Welt und der Fantasie“, so Lambie. In seinem schottischen Dialekt klingt das Wort world nicht rund wie eine Kugel, sondern eckig wie eine alte Kommode.

„Rowche Rumble“ ist auch eine Seelenreise von der Glitzerwelt hin zu Innerlichkeit und Kontemplation. Am Eingang verdecken altmodische Blumenmuster das Bild eines introvertierten jungen Mannes. Der Melancholiker im Dornröschenschlaf ist Ian Curtis, der Sänger der Gruppe Joy Division. In einer Ecke der Galerie findet sich der Soulstick, eine Art Fetisch mit bunten Fäden und Drähten umwickelt. Wie „Zobop“, der gestreifte Fußboden, gehört auch der Soulstick zu Lambies Markenzeichen. Der Künstler hat ihn bei einem Aufenthalt in Marseille entwickelt, als er auf den Straßenmärkten nordafrikanischen Nippes sah. Schutzlos exponiert, von geflochtenen Schnüren umwunden, erscheint er kostbar und kompliziert wie die Seele.

Lambie ist ein spin doctor, der schlichten Objekten einen magischen Dreh verleiht. Er kramt im Kruscht der Welt, Trödel wird zum Sternbild und gewöhnliches Gemüse erhält den Glanz eines Ferraris. Seine Kunst lenkt die Aufmerksamkeit auf die Stärke der Schwachen. Möglich wird das, weil sein Blick um die Kurve biegt.

Galerie c/o Atle Gerhardsen, Holzmarktstr. 15-18 (S-Bahnbogen 46); bis 2. August, Dienstag bis Samstag v. 11-18 Uhr.

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