Kultur : Blickfang in Bologna

Die Arte Fiera setzt auf Italien – und Berlin

Ulrich Clewing

Wenn man hierzulande ein Pendant zu Luca di Montezemolo suchen wollte, würde einer alleine nicht reichen. Um die Bedeutung des Ferrari-Chefs und Agnelli-Vertrauten zu illustrieren, bräuchte es in Deutschland mehrere Leute: Jürgen Schrempp, Uli Hoeneß und Günther Jauch zum Beispiel – und jemand aus dem Hochadel müsste auch dabei sein. Als Luca di Montezemolo zur Eröffnung der Arte Fiera am Mittwochabend zusammen mit einem Pulk an Kameramännern und Fotografen zum Rundgang durch die vier Messehallen aufbrach, herrschte jedenfalls ein Aufruhr, als sei der Bundeskanzler unterwegs.

Dabei erledigte er genau genommen nur seinen Job. Denn Montezemolo ist nebenbei auch Präsident der Bologneser Messegesellschaft und weiß, was er seinem Zweitarbeitgeber schuldig ist – seine öffentliche Wirkung und die damit verbundene Aufmerksamkeit. Die Arte Fiera in Bologna ist die älteste und wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst in Italien. Und sie ist groß, 220 Galerien nehmen an ihr teil, und ungefähr so übersichtlich wie die Art Cologne in Köln, nämlich gar nicht. So kann man wunderbar ziellos die Kojen entlangflanieren, und fast überall gibt es einen Blickfang. Der Schwerpunkt des Angebots in Bologna ist das 20. Jahrhundert mit seinen modernen Klassikern, wobei eine gewisse Italien-Lastigkeit nicht zu übersehen ist. Die wenigen Ausnahmen wie die Top-Galerien Marlborough, Marescaldi aus Bologna, Farsetti aus Cortina d Ampezzo oder Tega aus Mailand bestätigen die Regel. Schließlich kommt der größte Teil der Aussteller aus Italien.

Eigenbluttherapie

Natürlich sind die besten Bilder der Futuristen längst in den renommierten Museen der Welt, man findet auf der Arte Fiera aber trotzdem etliche ansprechende Werke etwa von Balla oder Severini. Spezifisch italienisch ist auch das umfangreiche Sortiment an schönen spröden Stillleben von Morandi, einem großen Sohn der Stadt. Oder die zahlreichen späten Werke von de Chirico, der sich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bekanntlich einer Art künstlerischer Eigenbluttherapie unterzogen hatte und seine berühmtesten Gemälde aus den Zehner- und Zwanzigerjahren einfach noch einmal malte.

Neben diesen eher kuriosen Offerten glänzen die wahren Sechziger- und Siebzigerjahre mit qualitätsvollen Werken von Piero Manzoni, Michelangelo Pistoletto, Mimmo Rotella, Fabrizio Plessi und Alighiero Boetti, mit 13 Galerien der wohl am häufigsten präsentierte Künstler auf der Messe. In großer Zahl vertreten sind auch die Künstler der Transavanguardia, allen voran Sandro Ghia, der gefragteste italienische junge Wilde der Achtzigerjahre. Erst danach scheinen diese nationalen Grenzen und Zugehörigkeiten keine so deutlich erkennbare Rolle mehr zu spielen. Die ganz junge Kunst ist international. Hier begegnet man jenen Werken, deren Ursprung nicht mehr klar zu bestimmen ist, die man zu gleichen Preisen ebenso in Galerien und auf Messen in Berlin, London oder New York kaufen könnte. So ist auch in Bologna die Fotografie dominant, sei es als Medium selbst oder als Vorlage für Gemälde mit den unterschiedlichsten, doch meist der Alltagsästhetik entlehnten Motiven.

Kraft durch Veränderung

Das alles ist schön und gut, aber die Arte Fiera will sich verändern, vielleicht weil in der Veränderung die Kraft liegt, vielleicht weil sie mit Turin eine starke Konkurrenz im eigenen Land bekommen hat. Die Messe soll internationaler werden: Zwar ist der italienische Markt, wie Kenner der Szene versichern, relativ hermetisch auf sich selbst bezogen und regional ausgerichtet. Aber auf der anderen Seite ist die Emilia Romagna die mit Abstand reichste Provinz in Italien, und das zahlreich in die Messehallen strömende Publikum ist in Sachen Kunst hochgebildet und bestens informiert. Um da nicht an Terrain zu verlieren, hat sich die Leitung der Arte Fiera einiges einfallen lassen. Ab jetzt soll es jedes Jahr einen Städteschwerpunkt geben, den Anfang macht das „aufregende und kreative“ (Montezemolo) Berlin.

In der Halle 34 zeigen die Berliner Institution Kunst Werke e.V. eine repräsentative Ausstellung, außerdem wurden fünfzehn Galerien aus der deutschen Hauptstadt mit sehr niedrigen Standpreisen und sonstigen Vergünstigungen gelockt, darunter die Galerie Thomas Schulte, Contemporary Fine Arts, Neu, Kuckei + Kuckei und Eigen + Art. Es spricht für die angereisten Kunsthändler, dass sie sich hier in Bologna sehr gut behaupten können. Für die Arte Fiera wiederum spricht, dass sie im Vergleich dennoch nicht sonderlich auffallen, gerade wenn man durch die Hallen 31 und 32 schlendert, in denen die Italiener aktuelle Kunst zeigen. Daher sind auch die Hoffnungen der Berliner nicht überzogen. Ein paar Kontakte, ein paar kleinere Verkäufe, um kein Minus zu machen, dann wäre man schon zufrieden. Das Europa von heute mag aus dem Europa der Regionen bestehen. Aber es kommt sich näher, das ist auch in Bologna nicht zu übersehen.

Arte Fiera Bologna, Messegelände Bologna, noch bis zum 27. Januar.

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