Kultur : Blickrichtung Paris

Reine Farbe: Das Berliner Brücke-Museum würdigt den rheinischen Expressionismus

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Von Bernhard Schulz

Der Erste Weltkrieg ist in Deutschland in Vergessenheit geraten, und nur fallweise kommt zu Bewusstsein, welche Zäsur dieser letzte europäische Krieg bedeutete, beispielsweise für die Kunst. Ihre Entwicklung verlief mitnichten linear, wie die populären Darstellungen mit ihrer gleichsam logischen Abfolge von „-ismen“ glauben machen wollen. So fiel August Macke gleich zu Anfang des Krieges. Welchen Verlust die moderne Kunst in Deutschland damit erlitt, lässt sich nur erahnen. August Macke war der Organisator der „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“ 1913 in Bonn, er war der Anführer dieser Richtung, die mit seinem Tod wieder unterging, die jedenfalls die Hoffnungen, die sie geweckt hatte, nicht mehr einlösen konnte.

August Mackes eigenes Werk kulminiert in jenem letzten Friedensjahr 1913, und in ihm schien eine glückliche Verbindung der eigenen künstlerischen Wurzeln mit den Strömungen in Frankreich zur Reife zu gelangen. Macke darf „als der französischste aller deutschen Künstler des 20. jahrhunderts bezeichnet werden“, wie es jetzt wieder Magdalena M. Moeller betont, die Direktorin des Berliner Brücke-Museums. Die „Künstlergemeinschaft Brücke“, wiewohl von allem kulturellen Chauvinismus frei, steht demgegenüber für eine sehr deutsche Moderne. Insofern ist es ein hübscher Perspektivwechsel, das durch Einbruchdiebstahl zuletzt so arg gebeutelte Brücke-Museum jetzt vollständig auf die rheinischen Expressionisten ausgerichtet zu sehen, während die eigenen Bestände im Bonner Kunstmuseum gastieren.

Der ganz überwiegende Teil der 170 Leihgaben der Ausstellung „August Macke und die Rheinischen Expressionisten“ stammt aus den Bonner Beständen. Das dortige Kunstmuseum weiß mit dem Pfund „seiner“ Expressionisten zu wuchern. Mögen die norddeutsche „Brücke“ und der süddeutsche „Blaue Reiter“ auch die wichtigeren der Vorkriegs-Gruppierungen darstellen, ihr westdeutsches Pendant ist dank der unermüdlichen Arbeit des Bonner Kunstmuseums sowie des Westfälischen Landesmuseums Münster als den beiden wichtigsten Horten dieser Richtung bestens dokumentiert und der Öffentlichkeit präsent.

Erst im vergangenen Jahr gab es, von den beiden genannten Häusern veranstaltet, die Ausstellung „August Macke und die frühe Moderne in Europa“, die den gegenwärtigen Forschungsstand markiert. Sie setzte Mackes Werk in Beziehung zu den Arbeiten der Franzosen, die er bei seinen Paris-Besuchen gesehen hat und die ihn beeindruckt und beeinflusst haben.

Es ist bedauerlich, dass diese Ausstellung nicht nach Berlin kommen konnte; die jetzige, die weniger eine Auslotung des Themas darstellt als eine Übersicht über die Bonner Sammlung, reiht lediglich auf, was Macke und seine 15 Mitstreiter geschaffen haben und wovon ein Gutteil bei der historischen Bonner Ausstellung 1913 zu sehen war.

August Macke steht im Zentrum der eng gedräöngten Berliner Präsentation. „Er hat von uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben“, schrieb Franz Marc in seinem Nachruf auf den gefallenen Freund, „so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.“ Die Arbeiten stehen für dieses Urteil. In kürzester Zeit erobert sich Macke ein strahlendes Kolorit, das mit dem des Zeitgenossen Matisse zu vergleichen wäre, aber zugleich ein Themenspektrum, das an die bürgerlichen Sonntagsvergnügen der mehr als eine Generation älteren Impressionisten anknüpft. So wenig wie Macke sind auch seine Mitstreiter „modern“ im Sinne der Baudelaireschen Forderung – mit einer Ausnahme. Der junge Max Ernst hat wie kein zweiter der (losen) Gruppe den italienischen Futurismus aufgesogen und spiegelt in Bildern wie „Straße in Paris“ von 1912 die Hektik des modernen Großstadtlebens, während Macke den Blickwinkel des Flaneurs einnimmt.

Weit vielfältiger, als es die Gruppenbezeichnung „Rheinische Expressionisten“ nahelegt, sind die künstlerischen Charaktere. Die Mehrzahl der Mitstreiter Mackes ist heute kaum mehr bekannt, da ist auch viel Epigonales und Abgeschautes dabei. Allerdings macht das Vorherrschen französischer Einflüsse von Orphismus bis Fauvismus deutlich, wie sehr der Westen Deutschlands seinerzeit eingebunden war in einen regen Austausch mit Paris, und Ausstellungen wie die legendäre „Sonderbunds-Ausstellung“ 1912 in Köln zeigten umfassend, was in den Pariser Ateliers vonstatten ging. Dieser Austausch wurde 1914 abgebrochen. Die „Rheinische Expressionisten“´ blieben ein unabgeschlossenes, allerdings eines der glücklichsten Kapitel der deutschen Kunstgeschichte.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9 (Dahlem), bis 5. Januar 2003. Katalog 384 S., br. 20 €.

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