"Blind Massage", "The Way He Looks" und "Blind" : Die Berlinale entdeckt Filme über Blinde

Mit Bildern begreiflich machen, wie Blinde ganz ohne Bilder leben - gleich drei Berlinale-Filme versuchen, das Nicht-Sehen sichtbar zu machen. Das geschieht mal als brasilianische Pubertätsgeschichte - mal als Besuch in einem chinesischen Massage-Salon.

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Lei Zhang in "Blind Massage"
Lei Zhang in "Blind Massage"Foto: Travis Wei

Man sieht ein helles Licht, davor unscharfe, sich gegeneinander verschiebende Konturen, und ganz vorne bewegen sich lange, leicht gekrümmte Linien auf und ab. Das Licht wird schwächer, die Konturen verschwinden schließlich ganz - und erst mit dem Einsetzen des Voice-over-Kommentars begreift man: Hier verliert jemand sein Augenlicht. Simuliert wird der letzte Blick des beim Autounfall verunglückten Jungen Ma. Mit dieser irritierenden Szene beginnt der chinesische Wettbewerbsbeitrag „Blind Massage“. Regisseur Lou Ye erzählt darin vom Alltag in einem Massagezentrum, das Blinde ausbildet und als medizinische Masseure einsetzt. Er hat den Film mit einem aus blinden und sehenden Darstellern zusammengesetzten Ensemble realisiert.

Es sind junge Leute beiderlei Geschlechts, die Doktor Sha anheuert. Sie arbeiten und leben zusammen, schlafen in Stockbetten in einem engen Saal, verlieben, streiten und versöhnen sich. Die Erzählung springt zwischen den Protagonisten hin und her, lässt Handlungsfäden plötzlich abreißen, nimmt sie später wieder auf, allerdings ohne sie jemals zusammenzuführen, was ein bisschen das Problem des Films ist, wenn man unsere am Spielfilm geschulten Sehgewohnheiten zum Maßstab nimmt.

Die werden allerdings noch in anderer Weise strapaziert, denn Kamera und Ton versuchen, die Wahrnehmung der Blinden begreiflich zu machen, was auf der Bildebene ein Widerspruch in sich ist. Gearbeitet wird mit unruhiger Handkamera, die dicht an Körpern und Gegenständen klebt; es herrscht über weite Strecken dämmriges Licht; auf orientierende Totalen und Halbtotalen hat man verzichtet, ebenso wie auf Durchblicke und die Staffelung der Figuren im Raum.

Fragen, auch für Sehende: "Kann man Schönheit fühlen?"

Herausgekommen ist dabei ein interessantes Experiment, das wohl trotz allen inszenatorischen Anspruchs nur einen sehr schwachen Eindruck davon vermitteln kann, was es heißt, blind zu sein. Der stellt sich eher durch eine abstrakte Frage von Doktor Sha her, dem seine Kunden immer wieder von der Schönheit einer seiner Angestellten berichten: „Was ist Schönheit?“, fragt er einmal und: „Kann man Schönheit fühlen?“

"Blind" mit Ellen Dorrit Petersen
"Blind" mit Ellen Dorrit PetersenFoto: Kimm Saatvedt

Verzweifelt fährt er mit den Fingern durch das Gesicht der jungen Frau, die er zu lieben meint. „Nein“, sagt sie, „du bist in den Begriff verliebt, nicht in mich. Blinde Frauen sehen die Liebe am besten.“ Plötzlich versteht man, was es alles nicht gibt ohne Augenlicht, und auch, warum Geräusche, deren Quelle man nicht ausmachen kann, nerven und verstören, wenn man nicht gewöhnt ist, sich daran zu orientieren. Lou Ye hat immerhin versucht, seine Zuschauer vor dem reinen Voyeurismus zu bewahren, und es liegt in der Natur der Sache, dass das nur bedingt gelungen ist.

Was passiert, wenn Blicke nur in eine Richtung gehen, davon erzählt auch der norwegische Panorama-Film „Blind“, in dem die Protagonistin Ingrid erst im erwachsenen Alter erblindet ist. Jetzt sitzt sie in einer schönen, hellen Wohnung mit einem fantastischen Blick über die Dächer von Oslo – ein Blick, von dem sie nichts mehr hat. Man sieht auch hier, wie schwierig die alltäglichsten Verrichtungen plötzlich werden, wenn einem das Auge nicht dabei hilft, sich in der Welt zurechtzufinden. Ingrid fällt ein Behälter mit roter Soße aus der Hand; sie ahnt, in welchem Radius sie nach Scherben und klebrigen Spuren suchen, aufsammeln und wischen muss, aber am Ende der mühevollen Aktion bleiben natürlich Reste.

Die ganze Hilflosigkeit der mit ihren Gedanken allein zu Hause sitzenden Frau manifestiert sich in dieser Szene; und es gibt eine andere, in der konkrete Bedrohung nicht weit ist: Ingrid hat Angst, dass ihr Ehemann sie heimlich beobachtet, und plötzlich sitzt er da, hinter ihrem Rücken, vielleicht riecht sie ihn, oder sie hat seinen Atem gehört, aber als sie sich in seine Richtung vortastet, weicht er ihr aus, immer wieder. Man sieht in das angestrengte Gesicht der Frau, und man denkt, es ist kein Zufall, dass man Gefangenen autoritärer Regimes die Augen verbindet, um sie zusätzlich zu quälen.

Ghilherme Lobo und Tess Amorim in "The Way He Looks"
Ghilherme Lobo und Tess Amorim in "The Way He Looks"Foto: Berlinale

Die Filme machen den Zuschauer zum Voyeur

Das Privileg des einseitigen Blickes reflektiert „Blind“ noch auf einer zweiten Ebene. Ingrids Nachbar ist pornosüchtig. Seinem Voyeurismus gibt er sich nicht nur beim Besuch entsprechender Websites hin, sondern auch durch das allabendliche Beobachten von Frauen im Haus gegenüber. Sie, die sich im Licht bewegen, gleichen in diesem Fall Blinden. Die im Dunkeln sieht man nicht, und so wird man als Zuschauer des Zuschauers zum doppelten Voyeur.

Eine wunderschöne Pubertätsgeschichte aus Brasilien, „The Way He Looks“, ebenfalls im Panorama zu sehen, geht spielerischer, mitunter beinahe fröhlich mit dem Thema um. Da ist der 15-jährige Leo, der mit seiner Schulfreundin Giovana in den Ferien am Pool herumhängt. Erst nach ein paar Minuten wird klar, dass er nicht sehen kann. Wie alle anderen Kinder in seinem Alter ist er von seinen überfürsorglichen Eltern genervt, leidet er unter einigen doofen Mitschülern und darunter, dass er mit seiner Sexualität klarkommen muss. Der junge Regisseur Daniel Ribeiro behandelt Blindheit fast wie ein zusätzliches Pubertätsproblem – und als Gabriel, ein neuer Mitschüler, auftaucht, verkörpert er für Leo den Aufbruch in unbekannte Welten: Die beiden gehen tatsächlich zusammen ins Kino, wo Gabriel Leo die Bilder beschreibt, und sie machen erste sexuelle Erfahrungen miteinander.

Leos Blindheit steht in „The Way He Looks“ für das Herumsuchen nach Wahrheiten und Lebensmöglichkeiten, für das Tasten und Suchen, das die Pubertät insgesamt bedeutet. Und so malt dieser Film ein heiter-impressionistisches Bild in sanften Farben, das den für diese Lebensphase typischen Schmerz nicht ausspart und gerade deshalb noch leichter wird. Es bleibt jedoch auch hier ein kleines ungutes Gefühl zurück: Dauernd schaut man im Kino Leuten bei Handlungen zu, bei denen man in der Realität nie zuschauen würde. Aber erst wenn sie blind sind, schämt man sich ein bisschen dafür.

„Blind Massage“: 11.2., 9.30 Uhr u. 18 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 12 Uhr (HdBF), 16.2. 18.30 Uhr (HdBF) – „Blind“: 11.2., 20.15 Uhr (Cubix 7/8), 14.2., 22.30 Uhr (Cinestar 7), 16.2., 17 Uhr (Cinestar 7)
„The Way He Looks“: 11.2., 22.45 (Cinestar 3), 12.2., 20.15 Uhr (Cubix 7/8), 13.2., 18.30 Uhr (Thalia), 15.2., 17 Uhr (Cinestar)

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