Kultur : Blitz auf Freischütz

Zum 70. Geburtstag des Dirigenten Seiji Ozawa

Ulrich Eckhardt

Tatort: das ehemalige Joachimstalsche Gymnasium in der Bundesallee, damals Sitz des Städtischen Konservatoriums. Tatzeit: 1960, an einem dieser leuchtenden Herbsttage, wie sie der Berliner September bescheren kann – mit dem Duft von Abschied und Aufbruch. Tathergang: Herbert von Karajans alljährliches „Internationales Dirigentenpraktikum“ hatte begonnen. Als Schüler in Herbert Ahlendorfs Dirigierklasse hatte ich das Privileg, teilnehmen zu dürfen.

In einer Pause sahen wir vom Fenster aus einen klapprigen Simca mit französischem Kennzeichen anhalten, heraus sprang ein verspätet eintreffender Teilnehmer. Er hatte gewiss die Dauer der Fahrt über die Transitstrecke durch die DDR unterschätzt. Abgehetzt stürmte ein schwarzhaariger Wuschelkopf die Treppe hinauf. Die zarte Gestalt saß nach der Pause dann zwischen uns, eher scheu und unsicher, sagte nichts, kaum dass er seinen Namen nannte. Auf dem Podium die abgespannten Symphoniker, entnervt von der frustrierenden Wiederholung derselben Musik. Karajan saß lauernd irgendwo hinter den Celli, winkte hin und wieder ab und den nächsten Kandidaten heran. Die Prozedur zog sich hin, Frust und Lustlosigkeit nahmen zu.

Dann war der Japaner an der Reihe. Wir blickten eher mitleidig auf ihn; was sollten wir schon von ihm erwarten. Ein Japaner war am Dirigentenpult noch nie gesichtet worden, die Autos aus dem fernen Land waren schlechte Kopien. Beides sollte sich rasch und gründlich ändern.

Gefasst ging der frisch aus Paris eingetroffene Musikstudent auf das Podest, blätterte erst gar nicht in der Partitur, rüstete sich zur „Freischütz“-Ouvertüre, straffte seinen grazilen Körper, der zu wachsen schien, atmete tief ein – und legte los. Wie ein Blitz schlug der Einsatz ein. Die Musiker, eben noch schlaff und verbiestert, riss er hoch, weg war alle Müdigkeit, sie mussten präzise einsetzen, ob sie wollten oder nicht. Auf einen Schlag hatte der kleine Japaner klargestellt, was er konnte. Jetzt war uns sein Name wichtig: Seiji Ozawa! Karajan sprang auf vor Verblüffung und Freude – endlich, nach all dem bemühten Mittelmaß, ein ebenbürtiger Musiker, der seinem Ideal eines modernen hochprofessionellen Kapellmeisters entsprach. Denn er erstrebte – im Zenit seiner dirigentischen Leistungskraft stehend – eine Symbiose musikalischer Durchdringung einer Partitur mit körperlicher Intelligenz des Interpreten. Er wollte einen möglichst perfekten Orchesterklang entwickeln, der den Anforderungen neuer Technik zur Vervielfältigung von Musik genügt.

Von nun an tat Karajan alles, um Ozawa Türen zu öffnen und Wege zu ebnen. So war er damals im Umgang mit jungen Leuten, ehe körperliche Gebrechen seinen Traum von ewiger Jugend ruinierten und er viel später zum abweisenden Misanthropen wurde. Wer ihn aus jenen Tagen kannte, hielt ihm die Treue bis zum Ende in der Überzeugung, dass er einer der ganz Großen seiner Zunft in seinem Jahrhundert war.

Uns aber, die wir den Triumph Ozawas miterlebten, verließ erst einmal der Mut. Hatten wir mit Fleiß die Geometrie der Bewegungen und die Anatomie der Gestik eines Dirigenten vor dem Orchester erforscht, das Konzept des berühmten Pantomimen Etienne Decrouz und die aufsehenerregende Schrift „Zen und die Kunst des Bogenschießens“ studiert, kam nun ein Musiker aus der Heimat des Zen-Buddhismus, der das alles in sich trug und einfach anwenden konnte: die nahezu vollkommene Transformation musikalischer Energie in körperliche Aktion als Grundlage des Dirigierens, die Harmonie von Spannung und Entspannung, die Geburt der Bewegung aus der Atmung.

Als er von der Bundesallee aus seinen Weg auf die internationalen Podien nahm, war Seiji Ozawa 25 Jahre alt. Jetzt ist er Musikdirektor der Wiener Staatsoper und feiert heute seinen 70. Geburtstag. Als Dirigent ist er erst 45.

Der Autor war von 1973 bis 2001 Intendant der Berliner Festspiele.

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