Kultur : Blitzblank

FREDERIK HANSSEN

Das Orchester der Komischen Oper mit Jurowski und Kolja BlacherVON FREDERIK HANSSENGäbe es das bei Universitäten beliebte Prinzip des "Rankings" auch für die deutsche Orchesterlandschaft, die Komische Oper könnte sich freuen: Denn ihr Orchester hat sich in letzter Zeit um viele Plätze nach oben gespielt.Nicht nur aus dem Graben schallt Erstaunliches, auch die Sinfonie-Konzerte bescheren beglückende Erlebnisse.Nach der fulminanten "Schottischen" von Mendelssohn beim letzten Auftritt unter Chefdirigent Kreizberg ließ jetzt auch das Konzert mit dem 1.Kapellmeister des Hauses, Vladimir Jurowski, keine Wünsche offen.Vor allem die Streicher wecken Frühlingsgefühle: Blitzblank wie ein wolkenloser Himmel die Intonation, strahlend wie die (rare) Aprilsonne der Tutti-Klang, die Phrasierungen frisch und knackig wie junges Grün. Jurowski, der 26jährige Shooting-Star und nach Kreizberg der zweite absolute Glücksgriff des Hauses, hat sich mit Prokofjews 4.Sinfonie einen echten Brocken ausgesucht.Bei der Uraufführung 1930 fiel das Stück durch, die Umarbeitungen von 1947 haben dem Werk nicht nur genützt.Der Dirigent hat sich in den Proben zum Anwalt des Opus gemacht, und das hört man: Nicht einer im Orchester, der bei Jurowskis packender Inszenierung der Sinfonie nicht mitziehen würde.Da wird Teamgeist spürbar, wie bei den Sängerschauspielern, die hier sonst auf der Bühne stehen.Ein scharfkantiger, chromblitzender Metropolis-Sound prägt das Stück, in den von maschinenhaften Rhythmen geprägten Ecksätzen ist industrielle Aufbruchstimmung zu spüren.Doch die Monumentalität erschlägt den Hörer nicht, weil Jurowski die Strukturen klar und präzise nachzeichnet. Zu Beginn erwiesen sich Jurowski und seine Musiker als ideale Sparrings-Partner für Kolja Blacher: In Chaussons spätromantisch-schwelgerischem "Poème" öffneten sie dem Solisten ein mit orchestralem Samt ausgeschlagenes Schmuckkästchen, in das Blacher seine meisterhaft gefügte Kantilene betten konnte.Mit Schmelz statt Schmalz erzählt er die tönende Liebesgeschichte.Dann folgt Ravels Virtuosen-Schmankerl "Tzigane" - und der Resonanzkörper von Blachers Stradivari scheint plötzlich verdoppelt: Das ganze Instrument bebt, Hochfrequenz-Schallwellen drängen durch die F-Löcher ins Freie, ohne daß der Interpret vom selbstentfachten Feuer ins Schwitzen geriete: Das ist die Coolness, mit der Magier ihre Zaubertricks abliefern.

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