Kultur : Blitze falten

Der Dresdner Konstruktivist Hermann Glöckner in der Berliner Galerie Barthel + Tetzner

Michael Zajonz

Wenn der Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz auf sein Studium in Dresden angesprochen wird, winkt er ab. Auf den im Gegensatz zum florierenden Leipzig etwas angestaubten künstlerischen Ruf von Elbflorenz will sich der 1968 geborene Scheibitz, der zusammen mit Tino Sehgal ab kommender Woche den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig bespielen wird, nicht festlegen lassen. Mit einer Ausnahme: Hermann Glöckner.

Glöckner blieb in Dresden, in dessen Umland er 1889 geboren wurde und wo er fast bis zum Lebensende – er starb 1987 in West-Berlin – ausgeharrt hatte, lange, viel zu lange ein künstlerischer Außenseiter. Und ist dennoch in den letzten Jahrzehnten seines langen Lebens zum Leitstern für Jüngere geworden: Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus haben ihn verehrt. Max Uhlig sah eine besondere Auszeichnung darin, Glöckners Atelier im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz zu übernehmen.

Was fasziniert noch heute an einem Künstler, der seine bedeutendste Schaffensphase zwischen 1930 und 1937 erlebte und der 1949, zur Gründung der DDR, 60 Jahre alt war? Glöckner gilt als Patriarch der Moderne, der unbeirrt von Kunstdoktrinen und lange auch ohne jede öffentliche Resonanz gearbeitet hat. Ein Fossil des Kunstbetriebes, der noch in den Fünfzigerjahren zusammen mit seiner Frau Frieda auf Baugerüsten stand und Wände bemalte, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Der Dresdner Konstruktivist muss als Mensch durch eine beinahe buddhistische Selbstsicherheit beeindruckt haben: mehr Idol als pragmatisches Vorbild.

Die Galeristen Gunar Barthel und Tobias Tetzner haben in ihren Berliner und Chemnitzer Galerien, die seit 2003 gemeinsam firmieren, in den vergangenen 15 Jahren mehrfach Einzelaspekte aus Glöckners umfangreichem Œuvre vorgestellt. Unter dem Titel „Schwingung Balance“ wird nun ein Überblick geboten, der nicht alle Schaffensphasen gleich stark repräsentieren kann. Seit den Retrospektiven der Neunzigerjahre sind besonders die Arbeiten der Vorkriegszeit selten und teuer geworden.

Barthel + Tetzner können dennoch zwei frühe Blätter aufbieten: Das Aquarell „Voitsdorf“ von 1930 (14800 Euro) belegt Glöckners zeittypische „mathematische Betrachtungsweise der Natur“(Le Corbusier); die Kohlezeichnung „Frauenkopf mit kurzem Haar“ von 1924 (12800 Euro) spannt mit ihren konkav und konvex um einen räumlichen Kern kreisenden Linien den Bogen zu den „Schwüngen“ (3800 bis 5500 Euro) des Spätwerks. In diesen gezeichneten Meditationen kulminiert Glöckners Hang zur Minimierung bildnerischer Mittel.

Gegenstandslose Schwünge, Kringel und Krakel waren im Werk des Dresdners auch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren allgegenwärtig. Die von Barthel und Tetzner angebotenen Mischtechniken aus dieser Zeit verweisen auf die bislang eher unterschätzte Nähe Glöckners zum westdeutschen Informel.

Welche formale Spannbreite ihm zur Verfügung stand, zeigt auch das Tafelwerk, jene oft beidseitig mit gefaltetem Papier beklebten und lackierten Täfelchen, die heute als Glöckners genuiner Beitrag zur Moderne gelten. Barthel und Tetzner offerieren drei nach 1945 entstandene Exemplare, darunter die einen dreifach geknickten Blitz auf Schwarz zeigende „Tafel 205 A + B“ (25000 Euro), die ein Motiv aus den Dreißigerjahren variiert.

Zur zweiten wichtigen Werkgruppe, den Faltungen, gehört auch die Aluminium-Skulptur „Große Faltung“, 1970 nach einem Modell von 1934 in höchstens fünf Exemplaren aufgelegt. Glöckner entwickelte sein persönliches Exemplar zur kinetischen Skulptur, indem er es an der oberen Ecke durchbohrt und im Atelier aufgehängt hat (22500 Euro). Zwei Faltungen auf Papier – der originale Plakatentwurf zur Studioausstellung der Ost-Berliner Nationalgalerie 1972 sowie „Helle und dunkle Erhebungen“ von 1976 – begeistern durch ihre Signalfarben (6500 und 7200 Euro). Bauhaus trifft Pop Art: in einer Wucht, die beglückend deutlich vom „gesteigerten Lebensgefühl“ (Glöckner über Glöckner) des damals 85-Jährigen erzählt.

Galerie Barthel + Tetzner, Fasanenstraße 15, bis 27. August; Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr und Sonnabend 11–15 Uhr.

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