Kultur : Blitze, Sterne, Weizenfelder

Was kann, was darf Architektur am historischen Ort? Eine Tour d’horizon zum Neustart bei der Topographie des Terrors

Christina Tilmann

Zum Beispiel Nürnberg: In das Reichsparteitagsgelände, lange Zeit ein von der Stadt eher verschämt verschwiegenes Erbe, hat der österreichische Architekt Günther Domenig 2001 ein Dokumentationszentrum integriert: eine gläserne Rampe samt schrägem Keil, der die wuchtige NS-Architektur teilt wie ein Blitz. Ein Versuch, die verhängnisvolle Aura des Ortes zu brechen und mittels Architektur einen eigenen Kommentar zur Unterwerfungsgeste dieser Bauten zu liefern.

Ein anderes Beispiel: Sachsenhausen. Das ehemalige SS-Truppenlager am Rande des Konzentrationslagers sollte Mitte der Neunziger umgenutzt werden. Der Architekt Daniel Libeskind schlug in einem provokanten Entwurf vor, die historischen SS-Gebäude abzureißen und das ganze Gelände zu fluten. Ein lang gezogener Bau, ein „Hoffnungseinschnitt“, solle sich in das Gelände schieben und die Dreiecks-Geometrie der Gesamtkomposition brechen. Der Entwurf bekam einen Sonderpreis, wurde aber nicht realisiert.

Zwei historische Orte, zweimal der Versuch, mittels moderner Architektur den als übermächtig empfundenen historischen Bauten etwas Eigenes entgegenzusetzen. Extrembeispiele, gewiss: und doch nur zwei mögliche Antworten auf eine Frage, die sich anlässlich der Berliner Entscheidung, Peter Zumthors Entwurf der Topographie des Terrors nicht zu verwirklichen, erneut stellt: Wie viel Architektur verträgt ein historischer Ort? Was kann, was darf Architektur angesichts authentischer Überreste? Interpretieren? Rekonstruieren? Oder – wie auch dem Zumthor-Entwurf vorgeworfen wird – doch überhöhen, mit eigener Symbolsprache die Orte überformen?

Mit seinem an ländliche Holzarchitektur angelehnten Stabwerk-Entwurf traf der Schweizer Peter Zumthor Mitte der Neunzigerjahre einen Nerv. Den an der klassischen Traufhöhe orientierten Wiederaufbau des Stadtzentrums kritisierten viele als fantasielos; die Öffentlichkeit sehnte sich nach expressiven Bauten: nach steinernen Blitzen, zerbrochenen Davidsternen, wogenden Weizenfeldern aus Tausenden von Betonstelen, nach Ost und West vereinigenden Bundesbändern oder Metallellipsen auf der Museumsinsel. Nach einer Architektur, die mehr ist als Wand und Dach und neutraler Raum: Kunstwerk, Symbol – und Touristen-Magnet. Manches, wie Libeskinds Jüdisches Museum, wurde realisiert, anderes nicht.

Nun stehen sich nach dem Scheitern des Zumthor-Entwurfs erneut zwei Lager gegenüber: die Vertreter einer selbstbewussten Architektursprache, die von einem Neubau einen Kommentar zu Ort und Geschehen erwarten, und die Bewahrer der historischen Stätte, die auf dem Gelände höchstens eine „undekorierte Hütte“ oder kleine Pavillons wollen. Ein Dach für Schlechtwettertage soll genügen; das Gelände, die Überreste des Prinz-Albrecht-Palais’, die Dokumentation sprächen für sich.

Dass Peter Zumthors Entwurf 1993 gewählt wurde, eben weil man von ihm einen reflektierten und sensiblen Umgang mit dem Gelände erwarten konnte – schon 1985 hatte er bei seiner Überbauung römischer Überreste in Chur bewiesen, dass er mit authentischen Orten umzugehen weiß –, davon spricht angesichts eines angeblich extravaganten, kompromisslosen Künstlerarchitekten keiner mehr. Dass die historischen Relikte, die es auf dem Gelände des PrinzAlbrecht-Palais zu bewahren gilt, außerdem keineswegs Folterzellen oder Schreibstuben der Macht sind, sondern Küchenzeilen und Keller, kümmert die Authentizitätshungrigen auch kaum. Die „Aura“ des Ortes, dieser keineswegs nur positiv besetzte Begriff einer mythisch-religiösen Originalerfahrung, schlägt das Bemühen um historisch-kritische Aufarbeitung derzeit um Längen – wie auch die jüngste Tagesspiegel-Umfrage beweist, bei der sich am vergangenen Sonntag 91 Prozent der Anrufer gegen einen Neubau aussprachen.

Die Sehnsucht nach dem Authentischen: davon kann auch Günter Morsch, Leiter der Brandenburgischen Gedenkstätten, ein Lied singen. In den Fünfzigerjahren gab es in Ost wie West die Tendenz, historische Orte von Objekten zu säubern und sie stattdessen mit Denkmalen und Monumenten zu möblieren. So wurden in Buchenwald Anfang der Fünfziger alle Lagerbaracken abgerissen, ihre Standorte durch Steine markiert und an der Südseite des Ettersbergs ein monumentales Mahnmal errichtet, das vom „Turm der Freiheit“ und Fritz Cremers Figurengruppe zum Gedenken an den Widerstand gekrönt wird. Und doch, so Morsch, wollte in Buchenwald keiner die Monumente sehen. Alle fragten nur nach den Baracken. Entsprechend versucht man nun im polnischen Belzec, wo am morgigen Donnerstag eine Gedenkstätte für das einstige Vernichtungslager eröffnet wird, mit einem 180 Meter langen, dunklen Gang die authentische Erfahrung einer Sackgasse zu suggerieren.

Liegt der Fall anders, wenn es sich, wie bei der Topographie des Terrors, nicht um Opfer-Gedenkstätten, sondern um den zentralen Ort der Planung des Völkermords handelt? So einzigartig, wie immer behauptet, steht die Topographie indes nicht da: Es gibt die Wannsee-Villa, es gibt die Wolfsschanze, es gibt Berchtesgaden, das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und den Bendlerblock. Und es gibt, auch darauf weist Günter Morsch hin, in jeder KZ-Gedenkstätte eine Dokumentation des Lagersystems. Nicht nur die Opfer, auch die Täter und ihr System werden hier gezeigt.

Was es allerdings nicht gibt, und das fällt angesichts der baldigen Vollendung des Holocaust-Mahnmals immer stärker ins Gewicht, ist eine zentrale Dokumentationsstelle des NS–Terrors und seiner Organisation mitten in Berlin. Eine Dokumentationsstelle, die über die ortsgebundenen Ausstellungen von Wannsee-Villa bis Nürnberg hinausgeht und die Verbrechen im Zusammenhang schildert. Dafür aber reicht es nicht, sich auf die Aura des Ortes und einige Keller und Reste zu beschränken. Dafür genügt es auch nicht, mit bescheidenen Pavillons bloßen Wetterschutz zu bieten. Was Berlin braucht, ist ein Zentralmuseum der NS-Verfolgungsmaschinerie. An diesem Ort. Mit anspruchsvoller Architektur.

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