Kultur : Blitzender Zickzackbau, kontrovers

JULIUS H.SCHOEPS

Wie geht das Jüdische Museum Berlin künftig mit dem provokanten Libeskind-Bau um?VON JULIUS H.SCHOEPSUnbestritten hat Michael Blumenthal Bewegung in eine verfahrene Situation gebracht.Als Nachfolger von Amnon Barzel im Amt des Gründungsdirektors des Jüdischen Museums war er in den ersten Monaten seiner Tätigkeit bemüht, Berliner Senat und Abgeordnetenhaus davon zu überzeugen, daß dieses Museum seinen Aufgaben nur dann gerecht werden kann, wenn es inhaltlich und finanziell ein Höchstmaß an Autonomie besitzt. Was Barzel nicht gelang, ist dank Blumenthals diplomatischem Geschick in erstaunlich kurzer Zeit gelungen: Kultursenator Radunski und sein Staatssekretär Lutz von Pufendorf haben einer Lösung zugestimmt, die das Jüdische Museum künftig in eingeschränkte Selbständigkeit entläßt.Blumenthal hat sich anscheinend mit seinem Versprechen durchsetzen können, das er bei seiner Bestellung im Herbst letzten Jahres abgegeben hatte, er werde sich bei Organisation wie Konzept nicht hineinreden lassen. Verständigt hat man sich jetzt auf das Modell einer "unselbständigen Stiftung" innerhalb der "Stiftung Stadtmuseum Berlin".Dem Hörensagen nach hat eine renommierte Rechtsanwaltskanzlei in Zusammenarbeit mit Blumenthal einen Satzungsentwurf erarbeitet, der dem Abgeordnetenhaus vorgelegt werden soll.Einen Stiftungsrat soll es geben, auf dessen Vorschlag hin der jeweilige Museumsdirektor vom Senat bestellt wird.Dem Stiftungsrat, vor dem der Direktor sein Programm zu verantworten hat, sollen fünf Mitglieder angehören: Ein Vertreter der Berliner Jüdischen Gemeinde, ein Vertreter der Gesellschaft für ein Jüdisches Museum e.V., ein Vertreter der Senatsverwaltung sowie zwei Vertreter aus dem öffentlichen Leben. So weit, so schlecht.Die Jüdische Gemeinde zu Berlin ist bisher leider nicht in irgendwelche Verhandlungen miteinbezogen worden.Sollte sie überhaupt bereit sein, in eine Verantwortung für das Jüdische Museum einzutreten, wird sie nur schwer dem Modell eines Stiftungsrates zustimmen können, in dem sie selbst überstimmt werden kann.Blumenthal, der die Bedenken der Gemeinde kennt, suchte zwar das Gespräch mit deren Vertretern, der Senat jedoch nicht: Ohne daß es notwendig wäre, eröffnen sich bereits im Vorfeld neue Konfliktfelder. Aber weder Struktur noch Organisation sind das eigentliche Problem.Blumenthal steht vor der Schwierigkeit, mit einem Bau etwas anfangen zu müssen, der, wie es im Museums-Jargon heißt, nur schwer "bespielbar" ist.Daniel Libeskind, der "Metaphysiker unter den Architekten", hat ein Gebäude errichtet, dessen Grundriß mittlerweile weltbekannt ist: Ein zum Blitz verzerrter, linear durchgeschlagener Davidstern.Gesprochen wird von einem "genialen Wurf"; nur einige wenige Stimmen meinen, bei dem Bau handle es sich um eine Art "Weltanschauungsarchitektur". Der Besucher, der das Haus mit seinen verwinkelten und perspektivisch verzerrten Gängen durchwandert, ist zunächst überrascht von dem, was er zu sehen bekommt, dann zunehmend verwirrt.Ist das nun die Spitze der zeitgenössischen Architektur, das "Ronchamp des 21.Jahrhunderts" (Peter Eisenman)? Liegt dem Gebäude der modische Dekonstruktivismus eines Baudrillard oder Derrida zugrunde? Oder ist der bizarre Zickzack-Bau mit seiner titanzinkblitzenden Außenhaut und den eigenwillig darin eingeschnittenen Fensterschlitzen nur die Botschaft eines Mannes, der davon überzeugt ist, für sich das Deutungsmonopol für die Darstellung der europäisch-jüdischen Geschichte beanspruchen zu können? In die Kritik geraten sind Libeskinds sogenannte "Voids", die auf die Abwesenheit jüdischer Lebenswelten verweisen sollen.Die dokumentierte Leere soll den Besucher daran erinnern, daß der deutschen Kultur etwas unwiederbringlich abhanden gekommen ist.Aber stimmt das? Gibt es überhaupt so etwas wie eine Kategorie des unwiederbringlich Abhandengekommenen? Sicher können menschliche und kulturelle Verluste weder durch historisierende Betrachtung noch durch museale Leistungen "zurückgebracht" werden.Aber das ist eine Platitüde.Die Erfahrungen der NS-Zeit sind entsetzlich.Sie sind grauenhaft -, aber ist der Holocaust deswegen nicht begreifbar, nicht sagbar, nicht darstellbar? Und damit sind wir beim Kern des Problems.Der Libeskind-Bau vermittelt eine Botschaft: eine extrem einseitige, und darüber hinaus sehr pessimistische.Können, so müssen wir fragen, in diesem eigenwilligen Bau, der mittlerweile als eine gelungene Holocaust-Skulptur angesehen wird, überhaupt ganz normale Ausstellungen plaziert werden? Wäre es nicht besser, wenn der Bau hinter dem zurückträte, was in einem Museum inhaltlich geschehen soll? Führt die Libeskindsche Architektur nicht dazu, daß dem Betrachter das Außen wichtiger erscheint als das Innen? Warum eigentlich soll jeder Kurator sich bei jeder Ausstellung - Mode der zwanziger Jahre etwa oder Legenden der Jahrhundertwende - mit der Libeskindschen Botschaft auseinandersetzen? Wird nicht durch den Libeskind-Bau und die von ihm festgelegte Botschaft der deutsch-jüdischen beziehungsweise europäisch-jüdischen Geschichte ein Stempel aufgedrückt? Haben wir es nicht sogar mit einer Art unbewußter Stigmatisierung zu tun? Es drängt sich geradezu die Vermutung auf, daß der Besucher des Museums, bedingt durch die Libeskindsche Architektur, künftig die Geschichte der Juden in Deutschland und Europa ausschließlich als Verfolgungsgeschichte begreifen wird.Das aber wäre fatal. Wer auch immer inhaltlich für das Jüdische Museum in Berlin verantwortlich zeichnet, muß sich davor hüten, die europäisch-jüdische Geschichte ausschließlich auf die Perspektive des NS-Judenmordes zu verkürzen.Bei den konzeptionellen Überlegungen sollte man berücksichtigen, daß das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden schweren Belastungen und grauenhaften Erfahrungen ausgesetzt war, es aber auch Phasen des fruchtbaren Miteinanders gegeben hat.Das zu dokumentieren sollte eine der Hauptaufgaben der Museumsmacher sein. Notwendig ist auch, nachzudenken über die Aufgabe eines Jüdischen Museums, das sich expressis verbis als ein "jüdisches" Museum begreift.Es reicht heute nicht mehr aus, Kultgegenstände wie Thorakronen, Kidduschbecher, Besamimbüchsen oder Mohelmesser in Vitrinen auszustellen.Das ist ein traditionelles Konzept, das davon ausgeht, Juden und Judentum seien nur qua Religion zu definieren.Ein Umdenken, wie heute jüdische Geschichte und Kultur präsentiert werden kann oder sollte, hat schon seit längerem eingesetzt, und zwar mit interessanten Ergebnissen. Die Jüdischen Museen, die in den letzten Jahren zum Beispiel in Wien, Frankfurt oder Fürth entstanden sind, wollen jüdisches Leben in Geschichte und Gegenwart dokumentieren.Sie bedienen sich zunehmend historisch-kritischer Methoden, um jüdische Vergangenheit zu rekonstruieren oder Gegenwart in ihrem historischen Kontext begreifbar zu machen.Das schließt nicht aus, daß dabei auch jüdische Gegenwartspositionen ("Wer und was ist ein Jude?") formuliert werden, eine Aufgabe, die jedoch möglichst nicht von Nichtjuden übernommen werden sollte.Im Augenblick besteht die Gefahr, daß Konzepte für das Berliner Jüdische Museum mehrheitlich auf Podien und in Beratungsgremien von Nichtjuden formuliert werden. Kommen wir noch einmal zurück auf den Libeskind-Bau, der faktisch vor seiner Vollendung steht.Geplant war er, was meist vergessen oder verdrängt wird, als Erweiterungsbau des Berlin-Museums.Das ergab durchaus Sinn.In den ersten Überlegungen, zum Beispiel auf der legendären Tagung des Aspen-Instituts 1988, die dem Plan für ein Jüdisches Museum vorangingen, war jüdische Geschichte noch als integraler Bestandteil der deutschen Geschichte begriffen worden.Die Fachleute sprachen von einer deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte.Das Unglück nahm seinen Lauf, als die in der Stadt Verantwortlichen begannen, die im Aspen-Institut geführten Gespräche auf den Kopf zu stellen und das integrative Konzept, das ein inhaltliches Konzept war, als Organisationsmodell zu definieren.Das konnte nicht gut gehen. Jetzt sieht es aus, als habe sich Michael Blumenthal mit dem Senat dahingehend geeinigt, daß der ganze Libeskind-Bau (nicht jedoch das im ursprünglichen Konzept miteinbezogene Kollegien-Haus) dem Jüdischen Museum zugeschlagen werden soll.Die Probleme, die sich aus der überraschenden Entscheidung ergeben, das Jüdische Museum vom Berlin-Museum zu trennen, betreffen nicht nur den Architekten, dessen ursprüngliches Konzept konterkariert wird, sondern in erster Linie die Leitung des Museums, die künftig mit einem Gebäude umgehen muß, das durch diese Entscheidung eine andere Funktionszuschreibung erhalten hat. In jedem Fall werden die Kuratoren vor schwierige Aufgaben gestellt.Sie werden zum Beispiel Antwort auf die Frage geben müssen, wie sie deutsch-jüdische Geschichte im Rahmen der Berlin-Geschichte darstellen wollen.Um Doppelungen zu vermeiden, werden sie gefordert sein, die Abgrenzung zum Centrum Judaicum und seiner Arbeit zu definieren.Sie werden auch erklären müssen, wie sie eine bespielbare Fläche von etwa 4 500 Quadratmetern mit Sammlungsobjekten bestücken wollen, die nicht vorhanden sind: Die existierenden Sammlungsbestände reichen vielleicht aus, ein Museum mit 800 bis 1 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auszustatten. Die Vorstellung, bei anderen Museen um Dauerleihgaben nachzusuchen, widerspricht dem Einmaleins des Museumshandwerks.Daß Sammlungsgegenstände nicht vorhanden sind, kann man zwar mit Mitteln der Inszenierung wie im Holocaust-Museum in Washington oder im Museum of Tolerance in Los Angeles überdecken.Das ist möglich, vielleicht sogar legitim, aber nicht sehr überzeugend.Denkfehler kann man auf diese Art und Weise kaschieren.Mehr aber auch nicht. Julius H.Schoeps ist Direktor des Moses- Mendelssohn-Zentrums in Potsdam und Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam.Er war Gastprofessor unter anderem in Oxford und Tel Aviv und ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, unter anderem der Enzyklopädie des Holocaust.

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