Blockbuster : Horch, was kommt von draußen rein

Monsterfilm, Militärfilm, Milieufilm - und eine Hommage an eine Siebziger-Jahre-Jugend in der amerikanischen Provinz: J.J. Abrams’ leidenschaftlich umstrittenes Horrorabenteuer „Super 8“.

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Zeter und Mordio. Die Kette der mysteriösen Schrecknisse reißt nicht ab - und die Jugendlichen sind mittendrin.
Zeter und Mordio. Die Kette der mysteriösen Schrecknisse reißt nicht ab - und die Jugendlichen sind mittendrin.Foto: Paramount/image.net

Wann hat je ein Film so traurig angefangen? Vor seinem Elternhaus sitzt der 13-jährige Joe Lamb (Joel Courtney) verloren auf einer Schaukel. Drinnen findet der Leichenschmaus für seine Mutter statt, die im Stahlwerk der Kleinstadt Lillian bei einem Unfall getötet wurde. Joes Freunde scherzen mit kindlicher Unbekümmertheit darüber, ob seine Mutter als Zombie wiederkehren wird – in ihrer Vorstellungswelt ein plausibler Gedanke. Schließlich drehen die Kids mit der Super-8-Kamera von Joes bestem Freund Charles (Riley Griffiths) einen Zombiefilm. Als ein paar Monate später die Sommerferien beginnen, ist Joe wieder aus seiner Trauer aufgetaucht und bereit, sich mit seinen Kumpels in die Dreharbeiten zu stürzen. Umso mehr, als Charles den Mut hatte, die Schulschönheit Alice Dainard (Elle Fanning) anzusprechen und für das Projekt zu gewinnen – ausgerechnet die Tochter jenes Tunichtguts, den Joes Vater (Kyle Chandler) für den Tod seiner Frau verantwortlich macht.

Auf der Suche nach production values, Kulissen oder Alltagsszenen, die ihren No-Budget-Film aufwerten könnten, werden die Kinder beim Nachtdreh an einem verlassenen Bahnhof Zeuge eines verheerenden Zugunglücks. Während die kleine Crew vor den umherfliegenden Trümmern Schutz sucht, nimmt die umgestürzte Kamera weiter auf. Als sich die Kids Tage später den entwickelten Film anschauen, wird klar, dass sie einem furchteinflößenden Geheimnis auf der Spur sind. Denn die Katastrophe war kein Unfall. Bei dem Zug handelte es sich um einen Militärtransport. Ziel der Sabotage war die Befreiung dessen, was da in einem versiegelten Container durchs Land gekarrt wurde.

Bald geschehen rätselhafte Dinge in Lillian: Automotoren und Elektrogeräte werden gestohlen, Hunde nehmen panisch Reißaus, Menschen verschwinden spurlos. Das Militär unter Führung des skrupellosen Colonel Nelec (Noah Emmerich) übernimmt die Kontrolle und beginnt, die Bewohner der Stadt zu evakuieren, während die Kinder in all dem Chaos die perfekten production values für ihren Horrorstreifen finden.

Selten war ein Film so leidenschaftlich umstritten wie „Super 8“ nach der Premiere in den USA. Auf der Internet Movie Database (www.imdb.com), wo jeder registrierte Benutzer Filme bewerten und rezensieren kann, bekommt „Super 8“ von über 30 000 Abstimmenden zwar eine gute Gesamtnote, die Mehrzahl der knapp 500 Rezensionen sind jedoch Verrisse. Immer wieder kommt der Vorwurf, Regisseur J.J. Abrams habe „Verrat“ an heiligen Mythen der amerikanischen Kinogeschichte begangen.

Tatsächlich hat Abrams die großen Abenteuer um kleine Menschen, die Coming-of-Age-Klassiker der frühen Achtziger, genau studiert. Aber er belässt es nicht bei einer huldvollen Hommage, sondern zieht sie energisch in sein eigenes, durchgeknalltes Universum hinein. Wie bei seinem Relaunch des „Star Trek“-Universums, dem innovativen Monsterfilm „Cloverfield“ und seinen bahnbrechenden TV-Serien „Alias“ und „Lost“ erweist sich der 45-Jährige als furchtloser Erneuerer und Mythenzertrümmerer.

Hier hört der Spaß für all jene Filmfreaks zwischen 35 und 50 auf, die damals mit den „Goonies“ auf Schatzsuche gegangen sind, die bei Rob Reiners „Stand by me“ das Rätsel eines Todesfalls gelüftet haben, und die, vor allem, ein harmloses, kulleräugiges Alien vor den Nachstellungen der Erwachsenenwelt beschützen wollten. Steven Spielbergs „E.T.“ ist ja nicht nur trotz all der Megablockbuster der letzten 20 Jahre immer noch einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, er ist auch ein Inkunabel der amerikanischen Popkultur, durch die eine ganze Kinogängergeneration geprägt wurde. Und die schaut genau hin, wenn sich einer an ihren Helden vergreift. So werden auf IMDB genüsslich über 20 „Fehler“ von „Super 8“ aufgelistet: Anachronismen, falsche Requisiten, geografische Ungenauigkeiten, bis hin zu der beckmesserischen Anmerkung, der Song „My Sharona“ von The Knack, den die Kids in einer Szene singen, sei erst im Juli 1979 in den US-Charts aufgetaucht, während die Filmhandlung im Juni 1979 spielt.

Tatsächlich scheint J.J. Abrams die Überprüfbarkeit der Fakten nicht allzu wichtig zu sein. Er entwirft vielmehr ein idealtypisches Zeitbild, bei dem die Glaubwürdigkeit der Fiktion im Vordergrund steht. Das gelingt, weil Abrams ein gutes Gespür für die Atmosphäre der späten Siebziger in der amerikanischen Provinz hat – eine Zeit, die er selbst im Alter seiner Protagonisten erlebt hat. Da kurven eben nicht nur polierte Neuwagen, sondern auch verrostete Gebrauchtkarren herum, während Alices Vater Louis, der Kleinstadt-Dropout, in einer verwahrlosten Bruchbude mit zugemülltem Grundstück lebt.

Manchmal erinnert das an den magischen Hyperrealismus der (gerade bei C/O Berlin ausgestellten) Fotografien von Gregory Crewdson, der ja auch durch die sorgfältige Komposition heterogener Objekte den zwar fiktiven, aber authentisch wirkenden Zeitrahmen eines unbestimmten Nostalgia aufzieht.

Joe und seine Freunde befinden sich an der Schwelle zur Pubertät. Sie sind noch Kinder und doch mit ihren Spezialwissen über Filme, Plastikmodelle oder Feuerwerkskörper fast schon Nerds, die durch das gemeinsame Abenteuer und den emotionalen Einbruch des ersten Verliebtseins einen enormen Entwicklungsschritt machen. Das ist mit großer Sensibilität geschildert und von den jungen Darstellern grandios umgesetzt. Vor allem Elle Fanning, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade zwölf Jahre alt, verkörpert überzeugend die Widersprüche der beginnenden Adoleszenz. Einerseits noch im Stadium naiver Unschuld, sich der eigenen Ausstrahlung, des erotischen Erwachens noch gar nicht bewusst, ist sie zugleich die Reifste in dem verschworenen Häuflein und fährt die Jungs wie selbstverständlich, natürlich heimlich, mit dem Auto ihres Vaters herum.

Vielleicht versucht J.J. Abrams mit „Super 8“ etwas zu viel auf einmal. Der ultimative Abenteuerfilm, das Entwicklungsdrama über das Ende der Kindheit, die zarten Andeutungen der ersten Liebe, der Film im Film (das Resultat wird im Abspann gezeigt – unbedingt sitzen bleiben!), die Befreiung eines gestrandeten Aliens, die Monsterstory mit einigen expliziten Gruselszenen, die menschenverachtende Logik des Militärs, der Kriegsfilm mit dem Chaos nächtlicher, weitgehend sinnfreier Kampfhandlungen, die Milieuzeichnung in der Provinz, der Katastrophenfilm, das überkitschte Happy End. Verblüffenderweise hält irgendein Zauber dieses nach allen Seiten ausfransende Patchwork zusammen, mit dem man die Drehbücher für ein bis zwei Staffeln einer spannenden TV-Serie hätte füllen können. Hier wird es in den knapp zwei Stunden eines staunenswerten Sommerblockbusters abgehandelt, der noch dazu mit 50 Millionen Dollar nur ein Viertel der in diesem Genre inzwischen üblichen Produktionskosten verschlungen hat. Über kurz oder lang wird „Super 8“ selbst zu den Mythen der amerikanischen Kinogeschichte gehören.

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