Kultur : Blond ist besser

MARLENE STREERUWITZ kritisiert in ihrem Roman „Die Schmerzmacherin“ die sexuelle Ausbeutung der Frau und die männliche Diskursmacht

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„Die Schmerzmacherin“ heißt der neue Roman von Marlene Streeruwitz. Komischerweise denkt man dabei sofort an Elfriede Jelinek – an deren verheerende Schmerzensfrauen, an Angstlust, Selbsthass und Perversion. Will man jetzt also erneut von einer rituellen Selbstzerfleischung lesen? Hat Clemens J. Setz, das Grazer Junggenie, nicht gerade wieder eindrucksvoll diese Traditionslinie der österreichischen Literatur belebt: Einsamkeit, Menschenkäfige, Dildos – all das gibt es in „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“. All das gibt es jetzt auch bei Streeruwitz – nur anders, weniger romantisch, dafür politischer, militanter.

Schmerz geben und Schmerz erleiden, das sind die beiden Hauptdisziplinen einer Ausbildung, die Streeruwitz ihre Heldin durchlaufen lässt. Amalia Schreiber ist sehr schlank und sehr hübsch und wäre sie nicht schon vierundzwanzig, sie taugte zur Hoffnungsträgerin von Germany’s next Topmodel, „wo die Leute sich solche Gedanken über einen machen und dein Bestes wollen und dich dafür quälen, und am Ende ist man dann der strahlende Schwan“.

Das Potenzial zum strahlenden Federtier hilft Amalia nicht über ihre Lebensplanlosigkeit hinweg. Kindheitstrauma (das Kind einer Fixerin) trifft auf Gegenwartsanamnese (Generation Praktikum oder wie es neuerdings heißt „Generation Angst“). Da kommt das verlockende Ausbildungsangebot einer privaten Sicherheitsfirma gerade recht. Folterverhöre – euphemistisch „Kommunikationstechniken“ genannt – sind eines von vielen Unterrichtsfächern, in denen sich Amy (alle bei „Allsecura“ tragen englische Tarnnamen) mehr schlecht als recht bewährt. Eine paramilitärische Laufbahn ist allerdings in Zeiten der „Deregulierung der Sicherheitsfrage“, etwa in Kriegsgebieten wie Afghanistan, eine lukrative Angelegenheit. Wer die Gunst der Stunde erkennt, macht neuerdings in Sicherheit. „Schmerzen. Pein and anger. Damit konnte gehandelt werden“, so drückt Gregory es aus – Amys mal wohlwollend väterlicher, mal wertschöpfend skrupelloser Chef.

Was genau das im Einzelnen bedeutet, erschließt sich dem Leser erst durch mehrere Aha-Erlebnisse, wie sie sich beim Finden von lang vermissten Puzzleteilen einstellen. Denn natürlich betreibt Allsecura die psychische und physische Zerstörung ihrer eigenen, dem Leistungsprinzip nur unzureichend gewachsenen Mitarbeiter. Mit auf dem Spiel steht natürlich mehr: nämlich eine von Paranoia zerfressene Zivilgesellschaft mit ihren mühsam erworbenen Freiheitsrechten. In dieser Umgebung wird gefoltert und gefügig gemacht,wie die Marktlage es erfordert. Erst als Amy eine Fehlgeburt erleidet, ohne sich an den dafür notwendigen Geschlechtsakt zu erinnern, dämmert ihr das Offensichtliche: dass es in einem privatisierten Polizeistaat keine Gerichtsbarkeit in eigener Sache geben kann.

Wer der Vater des toten Fötus ist, soll hier nicht verraten werden, aber dass es gut ist für dieses Kind, nie geboren worden zu sein, das schon. Denn Amalia selbst stammt aus einer vaterlosen Familie. Eine junge Frau ohne Halt und ohne Geborgenheit, die erst bei der Großmutter, dann bei ihren „Aufpäppeleltern“, aufgewachsen ist. Diese existenzielle Verunsicherung macht sie zu einem idealen Mündel im global agierenden Security-Staat. Es geht auch in diesem Roman der 1950 bei Wien geborenen Marlene Streeruwitz um klassische Themen der feministischen Ideologiekritik: Um sexuelle Ausbeutung, um weibliche Selbstbehauptung und um männliche Diskursmacht – in diesem Fall ist es aber nicht die Sprache der Mächtigen, mit der hier auf knapp 400 Seiten experimentiert wird, sondern die stotternde, fiebernde und tastende Redeweise einer jungen Frau, die sich mit größter Mühe ein Bild von dieser undurchsichtigen Welt macht. Unvollständige Sätze sind Streeruwitz’ Markenzeichen. Hier kommen sie besonders heftig zum Einsatz, und das hat leider manchmal etwas unfreiwillig Komisches. In atemloser Rede haspelt sich die Erzählerin durch den Roman. Und als hätte Wolf Haas ein bisschen mitgeschrieben, heißt es: „Das letzte Mal hatte sie dunkelbraune Haare gehabt. Das helle Blond aber ist besser.“

Auf ein paar Wortfeldexpeditionen und Grammatikdehnübungen hätte man gut verzichten können. Stattdessen wüsste man gern mehr über das Vorleben dieser nebulösen Heldin. Immerhin hat Amalia eine „Erbschaft aus dem Holocaust“, die Firma Allsecura fusioniert mit einem US-Unternehmen, am Ende gibt es gar eine Leiche. Das alles muss man sich nun zusammendenken. Warum soll es dem Leser da anders gehen als dieser Heldin. Aber, würde Wolf Haas jetzt sagen. Aber interessant.

Marlene

Streeruwitz
:

Die Schmerzmacherin. Roman. S. Fischer,

Frankfurt/Main 2011.

399 Seiten, 19,95 €.

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