Kultur : Blond macht doch schlau

Im Tollhaus der Genforschung: Michael Crichtons Roman „Next“ birgt Risiken und Nebenwirkungen

Gerrit Bartels

Die originellste Figur in Michael Crichtons neuem Roman „Next“ ist ein afrikanischer Graupapagei namens Gerard. Wie es ihm beliebt, verblüfft und enerviert er seine Herrchen und Frauchen. Gerard kann nicht nur sprechen, sondern auch schnell und gut kopfrechnen, zudem ist er äußerst bewandert in der Film- und Popgeschichte: Ganze Dialoge aus „Casablanca“ herzusagen ist für ihn genauso wenig ein Problem wie Zeilen aus Bob-Dylan-Songs, französischen Chansons oder Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ zu singen. Das kommt nicht von ungefähr: Gerard ist ein transgener Papagei, ihm wurden während seiner embryonalen Entwicklung menschliche Gene implantiert.

Wie Gerard kein gewöhnlicher Papagei ist, so ist auch Crichtons Roman nicht einfach nur ein weiterer Roman aus einer typisch amerikanischen Bestsellerfabrik, wie man sie zum Beispiel von Stephen King oder John Grisham kennt, sondern ein Roman, der zugleich aufklären und unterhalten will: „Next“ beschreibt die vielen möglichen, vor allem negativen Auswüchse der Gentechnologie.

Dass Michael Crichton sich nicht mehr damit begnügt, Techno-Thriller mit einer Vorliebe für Worst-Case-Szenarios zu schreiben und lieber in Sachen moralischer bis demagogischer Aufklärung unterwegs ist, hatte er schon vor zwei Jahren mit seinem Roman „Welt in Angst“ bewiesen. Den Klimawandel, so Crichtons Botschaft, gebe es nicht in dem Maß, wie es uns die Klimaforscher weismachen wollen. Er diene nur dazu, Forschungsgelder lockerzumachen und rufe Ökoterroristen auf den Plan. Die Form des Romans war dabei für Crichton lediglich das Mittel zum Zweck, das Medium für umstrittene, klimaskeptische Thesen, und „Welt in Angst“ las sich dementsprechend vorhersehbar. Folgerichtig verzichtete Crichton bei Buchvorstellungen auch auf das Lesen aus dem Roman. Stattdessen rückte er mit einem Diaprojektor an, warf Klimamodelle an die Wand und erklärte seine Zahlen, Grafiken und Tabellen mit dem Zeigestock.

Dasselbe Procedere ist vorstellbar, wenn Crichton demnächst auf „Next“-Promotour geht: Der deutsche Verlag hat dem Roman ein Informationsblatt des Gen-ethischen Netzwerks Berlin beigelegt, das die rechtliche Situation der Genforschung in Deutschland erläutert. Und Crichton beschließt seinen Roman mit einer langen, kommentierten Bibliografie sowie einem Nachwort, in dem er seine Überzeugungen darlegt und Forderungen stellt: „Das Patentieren von Genen muss aufhören“, „Wir brauchen klare Richtlinien für die Verwendung von menschlichem Gewebe“ usw. Das ist ehrenwert, da merkt man, dass hier ein Schriftsteller, der nicht zuletzt gelernter Mediziner ist, gewissenhaft recherchiert hat. Nur tut das seinem Roman nicht gut – eine originelle Figur wie Gerard und noch ein paar andere originelle Ideen machen so schnell kein lesbares Buch. „Next“ ist mit seinen fast hundert Kapiteln auf fünfhundert Seiten tatsächlich mehr Materialsammlung als Roman: fiktiv arrangiert, zwischen Fiction und Faction changierend, und durchsetzt mit hölzernen Figuren, die oft nur Berufe haben, sonst jeglicher Charakterisierung entbehren und genauso schnell auftauchen wie sie verschwinden.

Immerhin schält sich eine Binnenhandlung heraus, mit der Crichton ein Gen-Kartell-Szenario entwirft. Nach einer überstandenen Leukämieerkrankung werden dem 51-jährigen Frank Burnet, einem Bauprojektleiter, bei Nachsorgeuntersuchungen unentwegt Gewebeproben entnommen, ohne dass ihm der Grund mitgeteilt wird. (Warum fragt er eigentlich nicht, gerade als Krebspatient?) Burnet weiß nicht, dass sich seine Immunzellen als Wunderwaffe gegen bestimmte Krebsarten erwiesen haben, und das Gentechnologieunternehmen BioGen Research setzt alles daran, sich die Rechte an seinen Zellen zu sichern. Wem also gehören Burnets Immunzellen: Der Forschung, der Universität? Der mit der Universität verbandelten Gen-Industrie? Oder doch Frank Burnet? Ein Gericht in L.A. spricht ihm das Recht auf sein Gewebe ab, doch schon bald werden seine in den Labors der Universität und der Genfirma lagernden Zelllinien kontaminiert, also unbrauchbar gemacht, und es beginnt eine leider völlig hanebüchene und spannungsfreie Jagd auf Burnet, seine Tochter, einer Anwältin, sowie deren achtjährigen Sohn Jamie.

Um diesen zentralen Strang hat Crichton zahllose andere, meist im Nirgendwo landende Erzählstränge gewickelt. Hauptsache, sie tragen was zur Gen-Sache bei: Es gibt neben Gerard noch ein anderes transgenes Wesen in einer Hauptrolle, einen Affen, der in der Familie seines genspendenden Vaters landet, wie dessen Kinder zur Schule geht und für viel Aufregung sorgt. Es gibt junge Mädchen, die ihre Eizellen verkaufen, Mitarbeiter einer Genfirma, die „Reifungssprays“ an Drogensüchtigen ausprobieren, sie dabei aber in Nullkommanix altern lassen, ratlose demokratische Politiker, die darüber nachdenken, in Reden ihre Sorge über die Gefahren unkontrollierter Gentechnologie auszudrücken, und – neben vielen anderen - gibt es auch noch Werbemenschen, die die Natur zum Werbeträger machen wollen und von einer Zukunft mit BP-Wolken, Cadbury-Clownfischen und Landrover-Nashörnern träumen. Dazu hat Crichton zwischen die Kapitel immer wieder echte oder gefakte Zeitungsartikel gestreut, mit Überschriften wie: „Neandertaler waren die ersten Blondschöpfe! Stärker, mit größerem Hirn und schlauer als wir.“ Oder: „Bald keine blonden Menschen mehr. Gefährdete Spezies in zweihundert Jahren ausgestorben.“

Willkommen im Gen-Tollhaus: Das ist manchmal durchaus kurios und witzig, ohne dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Das fällt aber auch auf Crichton zurück, wenn er mit immer noch einer Tollheit mehr seinen Roman in Gang zu bringen sucht: Es verträgt sich schwer, ein moralischer Medienkritiker zu sein und doch mit denselben Sensations- und Unsinnsmitteln arbeiten zu müssen. Die Gentechnologie mit ihren vielen wissenschaftlichen und juristischen Verzweigungen ist spröde genug,

All das reicht vor allem nicht für einen dickleibigen Roman, der ja auch in den Bestsellerkategorien „Atemraub“, „Spannung“, „Verfilmbarkeit“ und vielleicht gar „Intelligenz“ eine Eins bekommen will und von Verlagsseite mit einem Sprüchlein wie „Bestseller-Platzierung sicher!“ beworben wird. Crichton möchte wachrütteln, will Zusammenhänge zwischen Forschung und Industrie aufdecken, den korrumpierten Wisssenschaftsbetrieb hier, das geldgierige big business dort.

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Doch so fokus- und nahezu plotfrei es in „Next“ zugeht, so sehr hier Fakten und Absurditäten zusammengerührt werden, desto mehr geht Crichtons Anliegen verloren, stellen sich die Risiken und Nebenwirkungen der Genforschung nurmehr als Slapstick dar. Denn das „Next“ durchaus nahe an der Gegenwart ist, lässt sich jeden Tag auch ohne Zauber und Zeigefingerwackeln auf den Wissenschaftsseiten der Tageszeitungen verfolgen. So konnte man zuletzt erst vermeintliche Erfolgsmeldungen darüber nachlesen, wie in Dollys schottischer Heimat, im Roslin-Institut, transgene Hühner als „Bioreaktoren“ eingesetzt werden und „Pharma-Eier“ mit Anti-Krebs-Wirkstoffen und Interferon legen. Die Industrie nennt das „Pharming“. Crichtons Gerard hat es da vergleichsweise gut. Als er eines Tages wegen zu großer Nerverei in der Wüste ausgesetzt wird, muss er sich auf seine tierische Herkunft besinnen, und siehe da: Er kann sogar fliegen!

Michael Crichton: Next. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Blessing Verlag, München 2006. 540 Seiten, 22, 95 €

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