Kultur : Bloß nicht unterhaltsam werden

JÖRG KÖNIGSDORF

An den "anderen" Johannes Roloff, den aus der "Bar jeder Vernunft", erinnern an diesem Abend nur die Schuhe: Spitzgeschnäbelt, mit schwarzweißem Flechtwerk durchmustert, bringen sie einen Hauch Extravaganz auf das Podium des Kammermusiksaals.Den einzigen, leider - denn die Hoffnung, Roloff könnte aus der Kabarett- und Chansonwelt des Spiegelzelts etwas Charme in seinen Klavierabend hinübergerettet haben, erlischt schnell.Bachs "Goldberg-Variationen" dienen ihm vor allem zum Nachweis von Konzentrations- und Gedächtnisstärke.Den monumentalen Zyklus auswendig zu spielen, ist keine geringe Leistung; ebenso groß aber ist die Herausforderung, die dreißig Variationen mit gestalterischer Phantasie zu füllen, den farblichen und dynamischen Freiraum auszuschöpfen, den die Übertragung vom Cembalo aufs Klavier eröffnet.Das gelingt Johannes Roloff nicht.Sein holzschnittartiges Interpretationskonzept wird schnell vorhersehbar.Anfangs begrüßt man noch die klare Gestaltung der Baßstimme; kleine agogische Feinheiten in der Aria versprechen einen spielerischen Zugang.Doch schon nach der dritten, vierten Variation ermüdet Roloffs Schwarz-Weiß-Dynamik, nervt das Dauerstaccato in der Melodiestimme, bei der jede Note wie von einem Sprungbrett emporschnellt.Die Variationen bewegen sich so nurmehr auf einer Ebene fort - Roloff kann weder ein Kompendium pianistischer Kultur bieten noch die zyklische Aufführung der Variationen durch einen großen Bogen begründen.Nach der extrem romantisierend ausgekosteten fünfundzwanzigsten Variation fehlen ihm für den Schlußspurt der letzten fünf Variationen die Energien.Hier klingt er nur noch erschöpft und trottet wie ein müder Langstreckenläufer über die Zielmarke des Quodlibet.

Völlig scheint Roloffs Klavierspiel das Sinnliche zu fehlen: Die Fähigkeit, auf dem Klavier zu singen, die schiere Lust am Klang, am spielerischen Charakterisieren.Schlechte Voraussetzungen für die zweite Programmhälfte mit Berg, Webern und Prokofjew.Bergs Opus 1 bleibt anämisch, kann keine Farben entfalten, nicht schillern und irisieren.Ohne dabei durch Klangaskese analytisch zu werden - denn auch dafür wäre ein feiner gewichtendes Spiel mit klareren Konturen notwendig.Nicht einmal in Prokofjews dritter Sonate überwindet sich Roloff, die Themencharaktere auszuspielen, sich vom grellen Witz und vollgriffigen Übermut des Stückes mitreißen zu lassen.Da nimmt der Pianist die Werke auf falsche Weise ernst - etwas mehr U kann auch diese E-Musik vertragen.

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