Kultur : Bloß unter die Haube

Folklore, Thackeray und die Popkultur: Mira Nairs „Vanity Fair“

Daniela Sannwald

Sie heißt Becky Sharp, und das ist kein Zufall: Denn sie ist eine Aufsteigerin des 19. Jahrhunderts, scharf darauf, in dem zu reüssieren, was sie für die feine Gesellschaft hält. Die frisch geschrubbt, gesund und kräftig wirkende Reese Witherspoon spielt diese Rolle in Mira Nairs Romanverfilmung nach James M. Thackerays Roman, der schon mindestens zehnmal vorher fürs Kino adaptiert wurde.

Ein guter Filmstoff, sollte man denken – allerdings überaus altmodisch, da mag Mira Nair noch so viel Gegenwart in ihren aufwändigen Ausstattungsfilm einfließen lassen. Waisenkind Becky wird zur Gouvernante ausgebildet, ins Haus ihrer wohlhabenden Freundin Amelia Sedley eingeführt, wo sie kurz mit deren Bruder tändelt, einem in Indien seinen Geschäften nachgehenden tumben Kaufmann. Doch es kommt nicht zur Hochzeit, also versucht Becky weiter ihr Glück. Sie landet bei einer verarmten Adelsfamilie, gewinnt das Vertrauen einer reichen Erbtante und heiratet Rawdon (James Purefoy), den Sohn des Hauses. Die beiden leben von den Glücksspielgewinnen des Offiziers, und zwar über ihre Verhältnisse.

Schließlich tritt ein Marquis (Gabriel Byrne) auf den Plan, der seinerseits ein Auge auf Becky geworfen hat, aber so tut, als helfe er ihr selbstlos aus ihren Geldnöten sowie bei ihrem weiteren Aufstieg in der Gesellschaft. Aber dann verlangt er doch eine Gegenleistung, und die beiden werden in flagranti von Beckys Ehemann erwischt. Jahre später, Becky ist Croupière im Spielcasino in Baden-Baden, trifft sie den Indien-Fahrer wieder...

Mira Nair hat die Spieler im Casino wie Mode-Punks frisiert und angezogen, ihre Becky trägt meist sattes Rot (Skandalfarbe!), und während die Offiziersuniformen nach Operette aussehen, scheint der Blumenschmuck der Frauenfiguren einem Biedermeier-Gemälde zu entstammen. „Vanity Fair“ kreuzt indische Folklore, Thackeray und Popkultur – und setzt die Oberflächlichkeit und den kruden Materialismus der aufkommenden Bourgeoisie doch nur mäßig beglückend in Szene.

Babylon Kreuzberg (OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar SonyCenter (OV), Kant, Kulturbrauerei, Passage

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