• Bloß weg hier...und doch zu Hause bleiben - ein starkes Filmdebüt aus Niederösterreich

Kultur : Bloß weg hier...und doch zu Hause bleiben - ein starkes Filmdebüt aus Niederösterreich

Ralph Geisenhanslüke

"Filmed on Locations in Lower Austria", sagt das Plakat. Der Film macht ernst. Michael Bindlechner zeigt eine österreichische Provinz, in der die siebziger Jahre nie aufgehört haben. Kreuzungen wie von Edward Hopper, Straßen in öden Käffern, so leer, dass die Mittelstreifen den Blues kriegen. Gelegentlich erbarmt sich jemand und fährt doch noch drüber. Csiwi zum Beispiel. Den alten Mercedes seines Bruders hat er kurzgeschlossen. Nun brettert er durch die Nacht. Der Fahrtwind bläst ins offene Fenster. Das Duftbäumchen am Spiegel wackelt. Die nächste Disco ist nicht weit.

Später. Csiwi gabelt Valeska auf und bringt sie nach Hause. Ganz unverfänglich. Als er ihr am nächsten Tag ihre vergessene Tasche bringt, behält er ihren Pass. "Ich suche eine Freundin", sagt er. Valeska nimmt so etwas nicht lange übel. Und ein 17-Jähriger, der seine Jungmännlichkeit verlieren möchte, ist keine ernsthafte Bedrohung. Bald hat sie ihn gut erzogen: Er rasiert ihr die Beine. Xaver Hutter, der schon in Stefan Ruzowitzkis Fahrradboten-Komödie "Tempo" einen 17-jährigen Defloranten spielte, ist eigentlich 22 und trägt hier eine aberwitzige Frisur, eine veritable Stray-Cats-Tolle. Trotzdem würden sich nicht wenige Frauen gern von ihm die Beine rasieren lassen. Sylvie Testud, bekannt aus Caroline Links "Jenseits der Stille", radebricht hier mit einem so kecken französischen Akzent, dass man ihr diesen Gefallen gern erweist.

Noch später. Csiwi lernt Levi kennen. Wie zu Valeska fasst Csiwi auch zu ihm sofort Vertrauen. Die drei haben etwas gemeinsam: Sie wollen weg. Gemeinsam können sie den tristen Verhältnissen für kurze Zeit entfliehen. Eine gemeinsame Zukunft haben sie nicht. Valeska will nach Mexico, Levi plant ein krummes Geschäft mit Schweinehälften. Aber für den Augenblick sind sie unzertrennlich. Bindlechner lässt zwischen ihnen eine zarte Romanze entstehen, die in mancher Hinsicht an "Jules und Jim" erinnert. Eine Folge kostbarer Momente, die sich denen eröffnen, die sich trauen.

"In Heaven" schwebt immer ein paar Zentimeter über dem österreichischen Provinzboden. Manchmal schweigen die Akteure lange und sagen dann Sätze wie: "Ich weiß auch nicht." Scheinbar planlos, wie das Leben, das eben kein Action-Film ist, in dem Menschen ständig so furchtbar wichtige Dinge zu tun haben wie die Welt zu retten. Die hier wollen nur ihre Würde retten, ihre Freiheit und ihre Träume. "Im Leben muss man kämpfen oder man verschwindet", sagt Valeska. Oder: Man muss in Bewegung bleiben, sonst wird man wie die Alten. Freiheit ist in der Provinz stets verbunden mit motorisierten Fortbewegungsmitteln. Selbst ein Mofa ist schon genug, wenn man damit nur dem Sonnenaufgang entgegen knattern kann. Es gibt so viele sehnsuchtsvolle Straßenszenen in diesem Film, dass er wirkt wie ein Road-Movie. Obwohl die drei meist daheim bleiben.Arkona, Central, Klick und Moviemento

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