Kultur : Bloß weg hier!

Backpacker im Kino: „Hotel Very Welcome“

Jan Schulz-Ojala

Ach, ja! Reisen! Aber bitte nicht mit Rucksack. Damit sieht man wie ein blasser Schildkröterich aus, albern aufgerichteter Luftschnapper vor allem in der Tropenhitze. Und bitte keine Mails gucken und bloß nicht zu Hause anrufen, erst recht nicht, wenn man da Probleme hat, schließlich ist man gerade deshalb unterwegs. Und, hallo, ihr Briten, bitte nicht über den Globus zum Full-Moon-Rave auf einer thailändischen Partyinsel trotten, auf Mallorcas Ballermann Sex geht das schneller und ohne Jetlag.

Ach ja, da möchte man doch gleich ein Ratgeberbüchlein schreiben, wenn’s ums Unterwegssein geht. Oder sich ersatzweise an „Hotel Very Welcome“ erinnern, Sonja Heiss’ hübsch zwischen Dokumentation und Fiction oszillierenden Erstling über ein paar Backpacker-Schicksale in Indien und Thailand. Darin macht sie sich mit Hilfe einiger in Reise-Rollen geschlüpfter Schauspieler zärtlich lustig über Touristen, die in der ferneren Welt herumstolpern und das ganz große Abenteuer suchen, Kreditkarte und Rückflugticket natürlich inklusive.

Obwohl: Svenja zum Beispiel sitzt fest in Bangkok wegen irgendwelcher Probleme mit dem Anschlussflug. Und telefoniert unermüdlich mit einem Reisebüroangestellten und verliebt sich fast ein bisschen dabei. Das ist süß anzusehen und noch süßer anzuhören: wie da eine eigentlich supervernünftige Deutsche in asiatischen Singsang verfällt, um sich besser verständlich zu machen. Und plötzlich selber alles besser versteht.

Vielleicht reist Svenja auf diese Weise sogar weiter als all die anderen, deren Storys abwechselnd entspannt voranruckeln. Die beiden Briten Josh und Adam kann man vergessen, die haben bloß Sonne gekauft. Und Marion? Ausgerechnet in Poona, längst Pauschalziel der Bewusstseinsverbreiterung, sucht sie das Besondere für sich selbst. Weiter wagt sich Liam vor: Der ist vor seiner drohenden Vaterschaft ausgerissen und erörtert, schwer bekifft, mit Einheimischen fundamentale Eheanbahnungskulturunterschiede. Wehe aber, wenn er wieder glücklich glucksend Goa entgegenschaukelt, hoch oben auf dem Kamel!

Ach, gerade wenn wir Reisende uns anderen Welten anders zu nähern trachten, sehen wir oft besonders lächerlich aus. Aber stattdessen in die All-inclusiveHölle? Sonja Heiss erzählt das mit klarem Blick und hat sogar ein Fiction-Schmankerl auf Lager, indem sie zwei ihrer lonely Planetarier einander finden lässt. Schon verziehen, diese Sehnsucht nach Harmonie. Und nächstes Mal: vier Bücher, drei T-Shirts, zwei Hosen, eine Zahnbürste und dies und das und, also gut, auch noch das – und alles auf der Schulter zu tragen in der kleinsten Reisetasche der Welt. Jan Schulz-Ojala

Hackesche Höfe, Kulturbrauerei und

Moviemento

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