Kultur : Bloßgestellt

Christiane Peitz

Sie rennt gern bei Rot über der Straße. Oder legt sich flach auf den Asphalt, um Autofahrer zur Vollbremsung zu zwingen - und ein wenig Abwechslung in ihren Sonntagvormittag zu bringen. So beginnt Amos Kolleks letzter Film, die wundersam schräge Komödie "Fast Food - Fast Women". Auch in "Bridget" gerät Anna Thomson, die Lieblingsschauspielerin des israelischen Regisseurs, gleich in der ersten Szene unters Auto. Das Leben - ein Unfall.

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Diesmal also Bridget. In "Sue" war Anna Thomson eine verzweifelt-komische Großstädterin, die nur noch mittels Sex Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen kann. In "Fiona" landete sie in einem Crackhaus, und auch in der letzten Folge von Kolleks New-York-Trilogie vom Überleben in harten Zeiten treibt sie sich zunächst auf Drogenpartys herum - mit brutalen Folgen. Wieder läuft sie als ziemlich verrückte, vereinsamte Person durchs Bild. Eine Gazelle auf spitzen Schuhen, Alleingängerin mit krimineller Vergangenheit, spindeldürr, mit riesigen Augen und großem Busen. Kollek zeigt sie immergleich: als gefährdetes, schutzloses Wesen, das mit harten Bandagen kämpft, naiv und verschlagen. "Blowjobs sind nicht drin", sagt sie unvermittelt zu ihrem schwulen Vermieter. Nur dass das klar ist.

Leider wird Thomsons fragil-groteske Schönheit diesmal zur Karikatur verzerrt. Kollek schickt sie durch eine abstruse Story, die nichts mehr gemein hat mit jener traurigschönen Wahrheit von "Sue". Damals ließen die Bilder sich mit ihr treiben, jetzt wird sie vorgeführt. Brachten Kolleks Filme bei aller Illusionslosigkeit bislang so etwas wie Fürsorge auf, wird nun ein kruder Action-Plot um die Heldin herum konstruiert. Da ist der Sohn, der ihr weggenommen wurde und den sie freikaufen muss. Da sind ihre Jobs, als Kassiererin und in der Peep-Show. Da sind Begegnungen, mit einer schüchternen lesbischen Lehrerin, mit Drogendealern und perversen Vietnam-Veteranen. Und da ist die Hochzeit mit dem behinderten Sohn eines Krimiautors. Ein Deal: Nach fünf Jahren Ehe erhält sie eine Million Dollar. Es verschlägt sie nach Beirut und Jerusalem; die Araber tricksen sie aus, in Israel - oh Wunder! - leben nur Gutmenschen.

Kollek scheint wie vernarrt in Thomsons knochige Nacktheit. Dabei gefällt er sich nur noch in der Geste ihrer Bloßstellung. Auch die wenigen Momente der Zärtlichkeit zwischen den verlorenen Seelen Manhattans wiegen die Peinlichkeit des finalen Postkarten-Idylls nicht auf. Christiane Peitz

Sie war Sue, vor fünf Jahren auf der Berlinale, die sie und ihren Regisseur Amos Kollek entdeckte. Und sie wird immer Sue bleiben, diese verletzliche, lebenshungrige, großäugige, riesenlippige Stadtneurotikerin und Stadterotikerin in New York, melancholische kleine Traumschwester von Woody Allen oder auch wiedergeborene Charlize Chaplin in seltsam zukünftigem Jahrhundert. Da mag Anna Thomson, mittlerweile 44, noch und noch Filme mit Amos Kollek gedreht haben und weiter drehen - "Fiona" (1998), "Fast Food, Fast Women" (2000) und jetzt eben "Bridget": Macht nichts, Sue bleibt Sue. Mit hochgestecktem Haar sitzt sie neben dem kantig-kühlen Kollek in der Pressekonferenz und lässt ab und zu die leise, warme, brüchige Stimme aus ihren Filmen ertönen, als seien Person und Persona eins. Ihr Lächeln ist ein Leiden und umgekehrt, auf der Leinwand wie auf dem Podium, und wenn man sie ein bisschen grob fragt, warum sie immer so kaputte Frauen verkörpere wie eben bei Kollek, dann sagt sie nur, "ein normales Leben, das wäre für mich schwierig zu spielen" - weil sie selbst eben wohl ganz und gar kein normales Leben hat. Ja, vielleicht hat sie überhaupt kein Leben, da mag sie zwecks Tarnung noch so sehr Kinder erwähnen und einen eher stillen Alltag in New York, vielleicht ist sie nur eine Erfindung von Amos Kollek, der mit ihr groß wurde und sie mit ihm, vielleicht ist sie, die schmalhüftigste Erscheinung der Welt, nur herabgestiegen von der Leinwand aus Versehen für unsere Seligkeit. - Und sonst? Wurde viel gefragt auf der Pressekonferenz? Nicht viel. Jan Schulz-Ojala

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