Kultur : Blühende Landschaft

Die Museen der östlichen Bundesländer präsentieren sich glanzvoll in der Bundeskunsthalle Bonn

Bernhard Schulz

Dresden wird von Touristen überrannt, Potsdam zählt gleichfalls zu den Lieblingszielen der Kurzurlauber. Aber schon Dessau? Bauhaus? Weltmarke hin oder her – Dessau ist, wie so viele andere Kommunen in den immer noch so genannten neuen Ländern, eine „tote Stadt“, wie Norman Rosenthal klagt. Der Ausstellungsleiter der Londoner Royal Academy hat sich vom gebürtigen Schwaben Martin Roth, dem Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gewinnen lassen, die Ausstellung „Nationalschätze aus Deutschland“ zusammenzustellen, mit denen sich die 23 bedeutendsten Museen Ostdeutschlands derzeit in der Bonner Bundeskunsthalle präsentieren. Für Rosenthal, dessen Mutter aus Mühlhausen in Thüringen stammt und 1939 nach Cambridge emigrieren musste, hat der Auftrag eine persönliche, durchaus sentimentale Note.

Die 23 Museen und Institutionen, die das vor vier Jahren vorgelegte „Blaubuch“ als „national bedeutsame Einrichtungen“ vorstellt, bilden die „Konferenz nationaler Kultureinrichtungen“. Aus Anlass des 15. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung zeigen sie einen Querschnitt ihrer Schätze, dazu Leihgaben aus dem unverständlicherweise im „Blaubuch“ nicht berücksichtigten Schloss Friedenstein in Gotha sowie aus den Staatlichen Museen Berlin. Letztere lagen als ohnedies bundesgeförderte Einrichtung nicht im Blickpunkt der auf dauerhafte Bundesbeteiligung zielenden „Blaubuch“-Evaluierung. Die in Bonn beheimatete Bundeskunsthalle sieht sich mit dieser Ausstellung weniger als nationales Schaufenster, sondern will – so ihr Leiter Wenzel Jacob – ganz einfach das Stammpublikum von Rhein und Main bewegen, „einmal in den Osten zu fahren“.

Nun können derartige Querschnittsausstellungen leicht zum bloßen Sammelsurium verkommen. Die Wahl Rosenthals zum Kurator war da ein Glücksgriff. Er hat den überwältigenden Reichtum der Sammlungen nicht einfach abgehakt, sondern auf ausgedehnten Reisen eingesogen – und versucht, den roten Faden einer spezifisch ost- oder besser mitteldeutschen Entwicklung zu ergründen.

Denn dies war einmal die Mitte Deutschlands. So beginnt die Ausstellung mit dem welthistorischen Ereignis der Reformation, die von Wittenberg ihren Ausgang nahm, in den sächsischen Stammlanden erblühte und auf den Feldern Thüringens 1547 militärisch unterlag, ehe sie acht Jahre später mit dem Augsburger Religionsfrieden sanktioniert wurde.

Mit der Reformation brach das säkulare Zeitalter in der Kunst an. Die Geschichte von Luther zum Bauhaus ist eine der Erneuerung, in Bonn vorgeführt im Spiegel der Sammlungen von der Wunderkammer zum Fachmuseum. Anhand von 600 Kostbarkeiten spinnen Rosenthal und seine Mitstreiter diesen roten Faden. Eindringlich stellen sie die wegweisenden Leistungen vor Augen, gleich zum Auftakt mit den Bildteppichen der „Ratsdecke“ des Leipziger Bürgertums von 1551 und dem gleichzeitigen „Lutherteppich“. Mit Lucas Cranach d.Ä. erstrahlt die Renaissance nördlich der Alpen. Die Flugschriften der Reformation bezeugen den Einbruch der gedruckten Medien in eine Welt der mündlichen Überlieferung. Und die Prunkwaffen und -rüstungen gemahnen an den kriegerischen Charakter des Zeitalters.

Aus den Kunst- und Wunderkammern erwachsen systematische Sammlungen, wie Dresdens Grünes Gewölbe oder in pädagogischer Absicht die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle, heute übrigens Sitz der Bundeskulturstiftung, die das Ausstellungsvorhaben mit 3,2 Millionen Euro ermöglicht hat. Eine Tournee in europäische Länder sowie in die USA wird erhofft, ist aber noch in Verhandlung.

Der barocke Prunk, für den Sachsen steht, fällt als absolutistisch und katholisch geprägtes Einsprengsel aus der protestantisch-aufklärerischen Geschichte Mitteldeutschlands heraus. Doch zugleich hebt Sachsen die Museen auf eine neue Stufe der Verwissenschaftlichung. Herzstück der Ausstellung ist die folgende Abteilung zur Aufklärung. Weimar als Weltort: Da muss natürlich Goethe – in Gestalt der posthumen Büste von Rauch – den Mittelpunkt einnehmen, umgeben von Schätzen seiner ausgreifenden Sammlungen. Die Gerätschaften zur praktischen Erprobung der Farbenlehre schlagen einen Bogen zu den weiteren, zahlreich vorgeführten naturwissenschaftlichen Objekten. Weimar als Zentrum der Aufklärung ersteht beispielhaft mit Büchern aus der Anna-Amalia-Bibliothek wie Wielands „Teutschem Merkur“ und dem umgebenden Pantheon der Dichter- und Denkerbüsten von Diderot bis Rousseau, von Herder bis Mendelssohn. Dazu lächelt Winckelmann, der Begründer des Klassizismus, von seinem 1768 geschaffenen Bildnis aus Dessau-Wörlitz.

Eigentümlich ist die Unterbewertung Preußens. Das liegt weniger an mangelnder Unterstützung durch die Schlösserverwaltung von Potsdam-Sanssouci oder der allenfalls punktuellen Beteiligung der Staatlichen Museen Berlin. Es verrät vielmehr die Sicht der Kuratoren. Sie schauen aus pointiert mitteldeutschem Blickwinkel. Preußen, das ist nicht zu leugnen, verdankt seinen Aufstieg zur europäischen Großmacht der nationalen Rücksichtslosigkeit seiner Herrscher. Sachsen hat es zu Beginn des Siebenjährigen Krieges 1756 verheerend zu spüren bekommen. Der barocke Glanz erlosch zu patinierter Erinnerung.

Provokant in der Sichtachse des anschließenden Raums hängt Paul Delaroches schonungsloses Portrait des besiegten Napoleon – in Auftrag gegeben 1845 von einem Leipziger Kaufmann. An Napoleon kristallisiert sich der erwachende Patriotismus. Die deutsche Nation erschafft sich in der Kunst, auf den gegensätzlichen Wegen der reaktionären Nazarener und der Dresdner Landschaftsmalerei. Caspar David Friedrich wird einmal mehr als Jahrhundertkünstler gewürdigt.

Wiederum macht die Ausstellung einen Exkurs in Museumsgeschichte, indem sie die singuläre Sammlung frühitalienischer Tafelmalerei feiert, die Bernhard August von Lindenau im Jahr der bürgerlichen Revolution von 1848 seiner thüringischen Heimatstadt Altenburg vermachte. Auch dorthin, so die Botschaft an den Besucher, sollst du reisen.

Etwas verloren steht Menzels grandioses „Eisenwalzwerk“ von 1875 für die Industrialisierung, die in den Museen des Ostens offenbar keinen vorzeigbaren Niederschlag gefunden hat – so sehr doch Sachsen und Thüringen zu ihren Kernlanden zählen. Mit dem fortschreitenden 19. Jahrhundert kommen die wissenschaftlichen Fachmuseen ins Bild, darunter das Dresdner Hygienemuseum, das bereits im Foyer der Bundeskunsthalle mit einem Exemplar der „Gläsernen Frau“ von 1930 Neugierde weckt.

Vom Völkerkundemuseum der Elbe- Stadt schweift der Blick zur Dresdner Künstlergemeinschaft „Brücke“, die sich ihre Anregungen bei den Exotika der Kolonialvölker holte. Die anbrechende Moderne pointiert Rosenthal, der Kenner deutscher Philosophie und Musik, mit einem Nietzsche-Kopf von Max Klinger (1903) und einer eigenartigen Porzellanstatuette des Weltmannes Harry Graf Kessler, den Zusammenhang von Moderne und Geniekult blitzartig erhellend.

Mit dem aus Bildern und Objekten von Feininger und Klee, von El Lissitzky und Marcel Breuer ungemein dicht gefügten Raum zum Bauhaus und zur Weimar Culture – wie es im Angelsächsischen ganz selbstverständlich heißt – endet die Ausstellung. Sie endet abrupt. Denn danach kommt 1933, kommen Machtergreifung und Bildersturm. Danach ist Deutschland „sehr anders“ geworden, bilanziert Kurator Rosenthal: „Aber trotzdem, Deutschland ist ein wunderbares Land.“

Ganz wunderbar, so zeigt die Ausstellung, sind die Schätze im östlichen Teil Deutschlands. Sie sind nicht allein einen Besuch wert – sondern vor allem, dass sie „keinen Schaden nehmen“, wie der (längst vergessene) Einigungsvertrag von 1990 eindringlich mahnt. Die 23 „Leuchtturm“-Häuser sind keine Last, auch wenn sie der (Bundes-)Hilfe bedürfen, sondern ein Schatz, und die Bonner Präsentation ist eine Schatzkammer, auf dass uns die Augen übergehen.

Bonn, Bundeskunsthalle, bis 8. Januar. Katalog im Prestel Verlag, 407 S., 25 €.

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