Kultur : Blühende Landschaften

Kann Nordkorea mehr als Atombomben? Mehrere Experten analysieren die Zukunft und Reformfähigkeit des undurchsichtigen Landes.

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Führer einer Industrienation. Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un applaudiert im April 2012 bei einer Parade seinen Soldaten.Foto: AFP Foto: AFP
Führer einer Industrienation. Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un applaudiert im April 2012 bei einer Parade seinen...Foto: AFP

Was gibt es Neues aus Nordkorea – von einem weiteren Atomtest abgesehen? Das ist auch sechzig Jahre nach dem Ende des Koreakrieges immer noch eine kaum zu beantwortende Frage. Zumindest für westliche Beobachter. Denn Nordkorea gilt weiterhin als Terra incognita. Umso wertvoller erscheint daher der Blick eines intimen Kenners der koreanischen Halbinsel auf die Lage im Norden. Martin Guan Djien Chan hat beinahe ein Jahrzehnt in verschiedenen Ländern Asiens gearbeitet. Der Sinologe und Politikwissenschaftler, der als Dozent und Analyst für internationale Beziehungen und Sicherheitsfragen tätig ist, macht auf einen wichtigen Faktor für die Zukunft Nordkoreas aufmerksam, der bislang in der westlichen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird: Das Land ist zwar heruntergewirtschaftet und verarmt, aber ein Industrieland und keine Agrarnation. Auch zählt Nordkorea nicht zu den Staaten, die in erster Linie von Rohstoffexporten abhängig sind. Mehr als die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung Nordkoreas ist im industriellen Sektor tätig, beziehungsweise könnte in ihm arbeiten, wenn genügend Rohstoffe, Energie und Ersatzteile zur Verfügung stünden.

Diese Tatsache ist nach Chans Analyse zentral für die Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus Nordkoreas unter anderen politischen Vorzeichen als heute. Das Land weist in Chans Augen Ähnlichkeiten mit dem Europa der Nachkriegszeit auf: Es gleiche einem zerstörten Industrieland. Zwar entspreche der Wissensstand der nordkoreanischen Ingenieure und Facharbeiter nicht dem internationalen Standard. Viele Maschinen stammten noch aus den sechziger und siebziger Jahren. Aber die Nordkoreaner schätzt Chan als bildungsorientiert, lernwillig und diszipliniert ein. Den technischen Wissensstand aufzuholen, dürfte „das kleinste Problem“ sein. Damit verfüge Nordkorea über wichtige Voraussetzungen für einen Wiederaufbau seiner industriellen Produktion.

Für Chan kommt es dabei weniger darauf an, ob und wann das nordkoreanische Regime zusammenbricht und die Teilung der Halbinsel aufgehoben wird, sondern auf welche Art und Weise dies geschieht: Rein theoretisch hätte Nordkorea die Möglichkeit, sich innerhalb von ein oder zwei Jahrzehnten als Billiglohnland zu reindustrialisieren. Dazu würden große Mengen an ausländischem Kapital benötigt, das Länder wie Südkorea, China oder Japan bereitstellen könnten.

Allerdings stellt sich hier die Frage, ob eine solche Entwicklung innenpolitisch in Nordkorea durchzuhalten wäre, was auch Chan bezweifelt. Eine Chance auf eine Verwirklichung gebe es nur, wenn die diktatorische Kontrolle über die Bevölkerung aufrechterhalten bliebe. Die Grenzen nach Südkorea und China müssten weiterhin geschlossen bleiben, um eine Massenemigration zu verhindern. In diesem Fall müssten Südkorea, Japan und die westlichen Staaten ihre Sanktionen gegen Nordkorea aufheben und dürften öffentlich keine Kritik an den Menschenrechtsverletzungen im Norden üben, um das Reformregime nicht zu destabilisieren. Und selbst in einem solchen Fall ist es für Chan immer noch fraglich, ob sich ein Reformregime an der Macht halten könnte und nicht doch die wirtschaftliche Öffnung zu einer politischen Revolution führen würde.

Chan glaubt nicht, dass sich die nordkoreanische Bevölkerung im Fall von Reformen ein weiteres Jahrzehnt in ihrem Land einsperren lassen würde. Daher hält er einen Zusammenbruch des Regimes für bedeutend wahrscheinlicher als erfolgreiche Reformen. Ein relativ unblutiger Umsturz sei allerdings nur möglich, wenn die Sicherheitskräfte schnell die Seiten wechselten – wie bei den Zusammenbrüchen des rumänischen Ceausescu- und des tunesischen Ben-Ali-Regimes. Zwar sieht Chan auch in Nordkorea die Bereitschaft vieler Soldaten und Polizisten gegeben, sich gegen das Regime zu wenden. Aber die Loyalität der Spezialkräfte dürfte größer als in den Fällen Rumänen und Tunesien sein. Nach Chans Urteil stellt die Moral dieser Elitetruppen die größte und gleichzeitig wichtigste unbekannte Variable in jedem Umsturzszenario für Nordkorea dar. Denn dort verfügen, anders als in Rumänien oder Tunesien, die Spezialkräfte des Regimes über die technischen Möglichkeiten, ihr Land in einen monatelangen Bürgerkrieg zu stürzen – ähnlich wie bereits in Libyen und Syrien.

Im Fall eines relativ unblutigen Regimekollapses würde die Infrastruktur Nordkoreas nach Chans Prognose nicht völlig zusammenbrechen. Massive Hilfslieferungen für die Bevölkerung aus dem Ausland wären zwar auch in dieser Situation nötig. Es könnte aber zumindest teilweise auf das existierende staatliche Versorgungssystem zurückgegriffen werden. Damit könnte es möglich sein, eine spontane Massenflucht der Bevölkerung zu verhindern. Eine langfristige Massenauswanderung würde nach Chans Einschätzung jedoch kaum unterbunden werden, da nach einem Zusammenbruch des Regimes die Grenze nicht mehr geschlossen gehalten werden könnte. Die Folge: Der Wiederaufbau der nordkoreanischen Volkswirtschaft wird zur Makulatur. Denn bei den extremen Einkommensunterschieden zwischen Nord und Süd ergibt es für auswanderungsfähige Nordkoreaner keinen Sinn, in ihrer Heimat zu bleiben. Sogar mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs würden sie im Süden bedeutend mehr verdienen als mit einer Tätigkeit als Fachkraft im Norden.

Gibt es einen Ausweg aus diesen Dilemmata? Hat vielleicht Nordkoreas mächtiger Nachbar China den Schlüssel zur Lösung in der Hand? Du-Yul Song und Rainer Werning wirken skeptisch. Der Münsteraner Soziologe und der Korea- und Philippinen-Dozent an der Akademie für Internationale Zusammenarbeit sowie Lehrbeauftragte an der Universität Bonn sehen zwar die chinesische Volksrepublik als einzige Macht in der Lage, Einfluss auf Pjöngjang auszuüben, aber ihre Wirkung im politischen Bereich bliebe dennoch begrenzt, obwohl Peking in den Wochen nach dem Tod von Kim Jong Il eine entscheidende Rolle für die Stabilisierung in Nordkorea gespielt habe, indem es die anderen Antagonisten – einschließlich Südkorea – vor einem Missverständnis der damaligen Verhältnisse warnte. China bekundete unverzüglich seine vorbehaltlose Unterstützung der nordkoreanischen Führung unter Kim Jong Un.

Umso mehr ist Südkorea nach der Überzeugung von Song und Werning gefragt. Zwar fordert Seoul, Nordkorea müsse sich als Voraussetzung für die Wiederaufnahme bilateraler Gespräche offiziell für militärische Eskalationen der jüngeren Zeit wie die Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs Cheonan oder den Artilleriebeschuss der Insel Yonpyong entschuldigen. Aber sollte Südkorea diese Bedingung weiterhin aufrechterhalten und dadurch auch die Wiederaufnahme der Sechsparteiengespräche gefährden, dann wird China nach der Bewertung von Song und Werning die Vereinigten Staaten drängen, mit Nordkorea Direktverhandlungen zu führen. Im Fall Irans hat Washington dazu bereits seine Bereitschaft erklärt.

Martin Guan Djien Chan: Korea. Gegenwart und Zukunft eines geteilten Landes. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012. 208 Seiten, 24,90 Euro.

Du-Yul Song, Rainer Werning: Korea. Von der Kolonie zum geteilten Land. PromediaVerlag, Wien 2012. 208 Seiten, 15,90 Euro.

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