Blüm & Sodann : Nun muss sich alles wenden

Norbert Blüm und Peter Sodann predigen im Berliner Admiralspalast: nebeneinander, miteinander, gegeneinander.

Thomas Lackmann
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Peter Sodann (l.) und Norbert Blüm -Foto: Thilo Rückeis

BerlinDas Rentier ist sicher. Oder ist’s ein Hirsch? Zwei Wildwechselschilder – auf dem einen trabt, auf dem andern springt das gehörnte Tier – regeln den Bühnenverkehr im Admiralspalast. Darunter zuckeln zwei 92-Jährige am Rollator zum Lesetischchen im Seniorenheim, um ihre Fortbildung (als Minensucher nach Islamabad) zu absolvieren, anno 2027. Sie lernen sich erst mal umständlich kennen, veräppeln sich gegenseitig, blicken zurück auf Glanz und Groteske des verschwundenen Sozialstaats. Sie spießen Bürokratismus und Ost-West-Polarität auf, erinnern an Schildbürgerstreiche nach der Wende: als alle Wildwechselwarnungen der Ex-DDR (trabend) durch fast identische West-Hirsche (springend) ersetzt wurden. Jemand in der Bundesrepublik, sticheln die Alterchen, muss sich damals schön gesund gestoßen haben.

„Heimatabend“ heißt der Schauplatz, die „Wiederaufbereitungsanlage für Unjunge“; wie das Personality-Kabarett, mit dem Norbert Blüm und Peter Sodann durch 28 Städte tingeln. Der futuristische Plot bedient Ressentiments gegen die grausame Gegenwart. Die beiden gelernten Werkzeugmacher nutzen den Rühmann-Effekt des verschmitzten kleinen Mannes, gewürzt mit einer Satireprise Schwejk, Nächstenliebepredigt und flachen Pointen. Ein Pianist im Pflegerkittel mit Vopomütze knurrt als running gag des kommerzialisierten Überwachungsstaates gelegentlich vorbei. Dazwischen streiten der „längste Arbeitsminister der Bundesrepublik“ und der als Tatort-Kommissar beliebte „betende Marxist“, ohne sich anzusehen. Man blickt zu den Heimaspiranten im Parkett. Deren Sympathie trägt die Bekenntnisshow über Langatmigkeit und Unbeholfenheit. Am zweiten Tag dauert die Vorstellung bereits zehn Minuten länger. Rezitation und Gesang, von Ludwig Uhland über Goethe bis zu Matthias Claudius, Perlen der Poesie, verrührt zu tränentreibendem Sentiment. Stecknadelmomente entstehen, wo Mission und Intimität kulminieren: wenn Blüm erzählt, wie er Pinochet mit Folterfakten konfrontierte. Wenn der Rote als Lieblingsgedicht das „Vaterunser“ aufsagt, dieweil der Schwarze die Kappe abnimmt und im Saal ein „Amen“ nachhallt.

1967 hat Norbert Blüm über „Gemeinschaft und Gesellschaft“ in der Soziallehre von Ferdinand Tönnies promoviert; die Frage, wie Person und Struktur, Menschenwürde und Effektivität zu versöhnen wären, treibt den katholischen Utopisten um bis heute. Doch als Die-da- oben-Schelte ausgelegt, von Sodann mit dem Trockenhumor des gelernten Ossis unterstützt, kommt seine Botschaft über Populismus nicht hinaus. Zudem fehlen angesichts der biografischen Selbstbeweihräucherung beider Helden die ironischen Brüche. Interessant an dem originellen Format der Show ist ihre Zielgruppenfunktion: Solidaritätsanimation für junge Alte. Spannender wäre es, das Spezifikum, Präsentation von Zeitgeschichte in Form persönlicher Anekdoten und politischer Witze, so offensiv auszubauen, dass Jüngere fasziniert werden. Die oral history-Retter berichten uns: wie der Christdemokrat Blüm mit seinem Kommunistenonkel Adolf, einem KZ-Überlebenden, die DDR besucht, aber auch bei Opel in Rüsselsheim Flugblätter verteilt hat. Wie der DDR-Kommunist Sodann einen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet vor Ort unterstützen wollte, wie er 1961 wegen einer Kabarettpointe hinter Gitter kam, wie er 1989 vor dem Mauerfall vor den Genossen seines Bezirks Uhlands „Frühlingsglaube“ rezitierte („nun muss sich alles, alles wenden“). Ein Jahrhundert-Spaziergang: Kämpfende Ideologien, deutsche Diktaturen, innerdeutsche Grenzen kommen und gehen, Kleinkariertheit und Machtmissbrauch bleiben uns erhalten.

„Der Wessi redet mehr, als er weiß, der Ossi weiß mehr, als er sagt“, sinniert Peter Sodann; er ist einer, der sich nicht unterkriegen lässt. Er verteidigt, etwas, seine DDR. Wenn damals die Regierung Fehler machte, habe man gehofft: „Die Genossen werden sich irgendwas dabei gedacht haben.“ Heute höre er nur: „Da können wir sowieso nichts dran ändern.“ Idealismus und Fatalismus sind die Gespenster des Abends. Der Schauspieler nennt als schönsten Satz seiner sächsischen Heimat die Formulierung: „Entschuldigen Sie bitte, ich hätte vielleicht gern mal ’ne Frage gehabt“. Ein Trotzdem-Spruch, gut für einen Grabstein!

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