Kultur : Blues aus strahlenden Augen

Ein Fest fürs Leben: Tom Waits gibt in Berlin ein denkwürdiges Konzert. Oder war es eine heilige Messe?

Helmut Schümann

Ein paar Fragen bleiben. War sein Anzug schwarz und staubig von den Landstraßen oder braun aus den Dreißigerjahren? War sein offener Hosenstall Programm? Kann er nicht einmal klar und deutlich „Danke“ sagen? Warum kommt er so selten? Darf er alles?

Ja, aber ja! Yeah! (heiser, stimmlos, ächzend): Yeah! Yeah! Praise the master! Denn im Saal sitzen keine Fans, im Saal sitzt The Church of Tom Waits. Sie sitzt auf Stühlen, aber mehrheitlich kniet sie nieder. Und als sich die Gemeinde erhob, da war Jubel. Dann wurde das Piano reingeschoben und – pling, plang – Tom Waits sang „I’ll be back some lucky day.“ Und die Menschen hatten den Blues, er strömte aus strahlenden Augen.

Tom Waits ist auf Tournee. Als vor ein paar Monaten in Europa die Kunde ankam, er gastiere dabei lediglich in Antwerpen, in Amsterdam, in London und an drei Abenden in Berlin, da war das Londoner Konzert binnen einer Stunde ausverkauft und die drei Berliner Abende innerhalb eines halben Tages. Am Montag standen die ersten Verzweifelten um drei Uhr nachmittags vor dem Theater des Westens, auf der Suche nach einem Ticket für das Konzert, das um halb neun begann. Für 500 Euro ging am Ende eine einzelne Karte weg. Viel Geld für ein Konzert? Oh Mann, nein! Frevel ist es, für so wenig Geld ein Tom Waits-Ticket zu verscherbeln. Und es wurde der Abend eine Messe der leuchtenden Herzen.

„Real gone“ heißt des Meisters jüngstes Album, zum wesentlichen Teil bestritt er daraus das Abendprogramm. Im Grunde genommen ist alles dazu gesagt, seit es vor einem Monat erschien, zu diesen ruppigen Songs mit jaulenden Gitarren, holperndem Rhythmus und seiner Stimme, die nicht singt, sondern schnauft und krächzt, brüllt, brummelt, malträtiert, liebt. Ja, auch das. Geräusche der Straße, hatte es geheißen, fange er ein in den neuen Songs. Aber das ist Unsinn, weil draußen vor dem Theater die Kantstraße in Berlin, die Lexington Avenue in New York, die Ramblas in Barcelona: alle Straßen der Welt viel zu eintönig harmonisieren, um mit Waits’ Realismus mithalten zu können. Das Album wurde im Badezimmer aufgenommen, am Montag hat er seine Lieder auf die Bühne geholt. Wo sie einen Blues entfalteten, wie er nicht schöner im Einklang mit dem Herzschlag wummern könnte. Dabei hilft ihm der stoische Larry Taylor am Bass, an den Percussions der geniale Brain und natürlich Marc Ribot mit Gitarre und Banjo und Horn undundund. Aber Tom Waits ist keine Frage der Besetzung, des Mögens, des Verstehens, „There’s something you can’t lose, it’s that feel“ grölt er auf „Bone Machine“ in Partnerschaft mit Keith Richards. Das ist Tom Waits.

Welch ein Fest, welch ein einzigartiges Fest an einem Ort, an dem sonst nur die Massenware Musical zu besichtigen ist. Und doch passt alles, ein Bänkelsänger im Guckkasten-Theater, ein skurril sich verrenkender und verzerrender Gnom, der sich die Blöße gibt, der verhuscht auf die Bühne kommt, fast verängstigt und sich öffnet, immer mehr öffnet. Zur Hälfte des Abends war er so empfangsbereit, dass er die Gemeinde zum Gesang aufforderte. „Tabletop Joe“, die Geschichte von Johnny Eck, der ohne Unterleib zur Welt kam, auf den Händen lief und zum Piano spielte. Typen aus dem Kabinett geholt – das sind auch bei der Hausmusik mit den Freunden im Saal, die Geschichten, die Waits erzählenswert sind.

Die Freunde im Saal. Wir Gemeindemitglieder. Tom Waits ist 54 Jahre alt, in letzter Zeit ist immer mal wieder etwas mäkelig angemerkt worden, dass er all seine Säuferballaden, all die Geschichten von den gebrochenen Gestalten nur vom Hörensagen kenne. Dass er nie der Hobo war, den er singt, bloß eine Kunstfigur, dieser Tom Waits mit dem zu kleinen Hütchen, dem schlecht sitzenden Anzug, der ist nämlich braun und nicht staubig von den Landstraßen. Und lugt da aus seinem Trinkbecher nicht ein Teebeutelchen hervor? Na und, keiner gibt uns den Tom Waits so schön wie Tom Waits. Wir Gemeindemitglieder sind auch schon weit jenseits der vierzig und haben Falten im Gesicht. Mancher von uns hat schon vom Leben was in die Fresse gekriegt. Mutmaßlich war keiner von uns im Saal jemals Landstreicher east of East St. Louis, auch sind es nicht die letzten drei Dollar, die wir in der Tasche haben (sonst wären wir bei regulären Kartenpreisen von um die 100 Euro gar nicht hier drin). Manchmal sind wir melancholisch, manchmal sehnen wir uns nach etwas, was wir gar nicht benennen können, manchmal sind wir kitschig. Aber wir machen keine Feuerzeuge an, wenn der Meister seinen „Brief“ eines im Irak stationierten Soldaten anstimmt, „The day after tomorrow.“ Der Song stand am Ende des, sagen wir, offiziellen Teils des Abends. Es war auch Waits politischster Kommentar, für weitere, ahnt man, geht ihm so unter Freunden und Gleichgesinnten die Rührseligkeit ab.

Dann folgt der, sagen wir, private Teil des Abends. Tom Waits tritt ab. Die Band mit ihm. Ein Bühnenarbeiter bringt einen Schemel. Die Gemeinde versteht die Message. Man bringt das Piano. Das ist die Message. Pling, plang, macht das Piano, „So don’t cry for me, for I’m goin’ away, and I’ll be back some lucky day.“

Und dann werden wir alle wieder da sein. Mit leuchtendem Herzen und Blues in den Augen.

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