Kultur : Blues kann man essen

Heute in Berlin: Cassandra Wilson ist ein Star – und will aufklären

Christian Broecking

Sie raucht Zigarillos und redet über Nina. Ohne Nina Simone keine Cassandra Wilson, sagt sie. Kurz und bestimmt, wie die Songs, die sie selbst singt. Ninas habe wichtige Etappen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in ihren Songs kommentiert, sie gab Afroamerika Mut. Auch Cassandra Wilson möchte Menschen Mut machen. Da Songtexte aber kaum noch dieselbe gesellschaftliche Kraft entwickeln, mit der sie in den Sechzigern das Denken beeinflussten, tritt sie auf Galaveranstaltungen zu Gunsten der AIDS- Forschung auf, sammelt Spenden für Kinder aus verarmten Familien, singt für den Emergency Musicians Fund, der arbeitslose Jazz-Musiker unterstützt, die auf der Straße leben und keine Sozialversicherung haben. „Wenn man mich anruft, komme ich“, sagt Cassandra Wilson.

Vom „Time Magazine“ wird sie als „beste Sängerin Amerikas“ bezeichnet. Jahrelang galt sie als Diva, launisch und unnahbar, wollte keine Interviews geben. Das hat sich etwas geändert, seit bei der letzten Sommertournee deutlich weniger Menschen ihre Konzerte besuchten. Im Gespräch entpuppt sie sich als bestens informierte Jazz-Kennerin. Sie sieht aus, als sei sie gerade einer Modezeitschrift entsprungen, und tatsächlich zieren ihre Züge Magazin-Cover. Sie ist der Crossoverstar des Jazz. Sie macht Quote, ihre Platten erreichten zeitweilig sogar ein Pop- Publikum. Doch anders als Norah Jones, mit der sie letztens ein Geburtstagsständchen für den Blue Note-Chef Bruce Lundvall sang, bewegt sich Wilson souverän im sperrigen Jazz-Repertoire.

In New York lebt Wilson mit ihrem 15-jährigen Sohn ohne Kindermädchen und Haushaltshilfe. „Eine schwierige Balance“, sagt sie. Kind und Karriere. „Mein geschiedener Mann lebt auch in New York, und er ist ein prima Vater“, berichtet die Sängerin. "Wenn ich unterwegs bin, lebt der Junge bei ihm. Und das passt ganz gut, sein Vater ist eh mehr ein häuslicher Typ.“ Die großen Frauen des Jazz litten nicht nur unter dem Rassismus, sondern auch unter Männern, die nicht in ihr Leben passten. Nina Simones Karriere ist diesbezüglich eine Elegie des Scheiterns. Die Männer, auf die sie sich einließ, hintergingen sie, traten ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit mit Füßen in dem Schatten, den ihre Popularität warf. „Man ist allein in diesem Business“, resümiert Wilson.

Wilsons großer Durchbruch kam Mitte der Neunzigerjahre mit zwei Alben für das Traditionslabel Blue Note („Blue Light `Til Dawn“ und „New Moon Daughter“, für das sie auch einen Grammy als beste Jazz-Sängerin erhielt). Sie sang damals den sozialkritischsten Song der Jazzgeschichte, „Strange Fruit“, in dem die Lynchjustiz an schwarzen Bürgern angeprangert wird, von Billie Holiday zum Protestsong des schwarzen Amerikas erhoben. Auf ihrer neuen CD „Glamoured“ (Blue Note) singt Cassandra Wilson nun die Abbey-Lincoln-Komposition „Throw It Away“. Nur das gilt, was einem wirklich gehört, heißt es da. Geld oder Beziehungen zu Menschen, die nicht zu einem passen, zählen nicht dazu. „Die Songs wählen mich aus.“

Schon seit geraumer Zeit steht für Wilson der Blues im Mittelpunkt. Um die neue CD einzuspielen, reiste sie erneut zum Mississippi, tief in den Süden, wo sie vor 48 Jahren geboren wurde. „Mississippi ist der Geburtsort der populären Musik“, sagt sie. „Da fing alles an: Blues, Jazz, R&B, Bluegrass. Für mich ist es die Rückkehr in eine Kultur, die sehr warm und gastfreundlich ist. Und es ist spannend, New Yorker Musiker dorthin mitzunehmen, die diese Kultur zum ersten Mal erleben.“ Es ist wie eine Pilgerfahrt. Sie treffen Blues-Helden, die das Delta nie verlassen haben, und bekommen ein Gefühl dafür, wie diese Musik entstand. „Wenn man sieht, wie die Leute da unten leben, bekommt man einen anderen Zugang. Man sieht es nicht nur, man atmet es ein, man isst es, alles ist erfüllt von diesem Lebensstil.“

Mit einem Streifzug durch fremde Gefilde hat auch eine ihrer schönsten Arbeiten zu tun. „Traveling Miles“ hieß die CD, mit der Wilson Ende der Neunziger sich auf das Werk von Miles Davis einließ. Er ist Teil ihrer Biografie, war ihr mal ganz nah. Durch die Platten, die ihr Vater zu Hause hatte. „Sketches of Spain“ – gehört als Fünfjährige. In Chicago 1989 bekam sie ihr Idol kurz zu Gesicht hinter der Bühne, aber sie traute sich nicht, ihn anzusprechen. Heute dient ihr Miles Davis als „Metapher für Entdeckung, Bewegung, Kreativität, Wagemut, für all diese Dinge“. Und sie setzt auf ihr Talent zum Quereinstieg. Sie mixt Folk, Blues und Pop mitunter so unbekümmert, dass traditionelle Kontexte neu belichtet werden. Heute, sagt die Sängerin, Komponistin und Produzentin, will sie jene Schwarzen erreichen, die sich vom Jazz abgewandt haben.

Das Gesamtkunstwerk Cassandra Wilson beginnt Konturen anzunehmen. Sie bricht Tabus, ihre Platten sind sogar richtig spannend, wenn sie mit ihrer rauchigen Stimme, einer reduzierten Harmonik und im Zeitlupentempo den Klassikern der amerikanischen Musikgeschichte eine neue, bezaubernde Kraft einnuschelt. Sie repräsentiert den heutigen Jazz eher nicht, denn sie traut sich.

Heute in der Philharmonie (20 Uhr).

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