Kultur : Blues liegt in der Luft

SILVIA HALLENSLEBEN

Nein, ein wilder Mann ist das nicht, und es läßt sich auch kaum vorstellen, daß dies in einem früheren Leben einmal anders gewesen sein könnte.Einer, dem schon bei einer sanft schaukelnden venezianischen Gondelfahrt seekrank wird.Den die pflegliche Behandlung der Wäsche durchs Hotelpersonal so ernsthaft beschäftigt, daß er Witze drüber macht.Der verschreckt durch Hotelgardinen auf die friedlich wartende Fan-Gemeinde hinunterschielt.Warten die etwa alle auf mich? Oder, noch schlimmer, auf jemand anderen?

Ein Held ist dieser Held nicht.Der echte Woody Allen hat - und darin ist er dem ewigen Stadtneurotiker, den wir aus einigen seiner Filmen kennen, sehr ähnlich - nur einen, dafür den wahren Heroismus: den der immer wieder mühsam bewältigten Lebensangst.In "Harry außer sich" konnten wir sehen, wie der Held zum Autor werden muß, weil er im Leben nicht funktionieren kann, sondern nur in der Kunst, und wie die Kunst sich dann doch rächt und die Verdrängungen zurückkehren.Auch Allen packt, das wissen wir, seine Neurosen in seine Filme.Aber, und das sehen wie hier, es ist nicht das Kino, sondern die Musik, in der der Komiker als Klarinettist nach Hause zu kommen scheint.Schlichte ergreifende Musik, "Hardcore New Orleans" nennt Allen, die rumpelnden sentimentalen Melodien und Rhythmen, die seine Band im Saal verströmt.Es ist dieses Strömen, das kollektive Fließen der Energien, das den heilsamen Effekt ausmacht.Da kann nichts zurückkommen.Das Publikum müßte eigentlich tanzen, doch es bleibt sitzen, applaudiert aber heftig.Und der Blues liegt in der Luft, definitiv.

Die zweifache Oscar-Gewinnerin und Dokumentarfilmerin Barbara Kopple ("Harlan County USA"), hat den Musiker Allen samt Band bei einer Europatournee begleitet: Madrid, Paris, Mailand, Venedig, London.Backstage.Auftritte.Jubel.Luxus-Hotelzimmer.Dabei ist gar nicht so erstaunlich, aber trotzdem erschreckend, wie vollkommen sich der leibhaftige Allen mit seiner Filmpersona deckt.Manche Macke, bisher doch eher als kokett-überdrehte Ausstaffierung des "Stadtneurotikers" gedeutet, erweist sich als simples Abbild eines ziemlich verkorksten Charakters.Oder sind wir immer noch in der Show? Vielleicht hat sich der Schauspieler Allen in den langen Jahren seiner Laufbahn zum Ebenbild seiner Figur zurechtgestutzt.

Oder ist "Wild Man Blues" ein Auftragsprodukt zur Rehabilitation des vermeintlichen Kinderschänders? Seine Schwester Letty und "the notorious Soon-Yi" begleiten Allen auf der Reise.Wie die beiden, noch vor der Eheschließung, miteinander umgehen, das sieht schon damals eher aus wie ein Vorgriff auf die biedere Routine langjährigen Ehealltags als ein Sturm unerlaubter Gefühle.Frühstücksgespräche über mißratene spanische Omeletts und die Tücken fremdländischer Sanitäranlagen.Ein Poolbesuch, bei dem der alte Mann bedrängt wird, doch noch ein paar Meterchen mehr zu machen.Und immer wieder wohlgemeint besserwisserischer Ratschlag.Offensichtlich hat Allen in der Stieftochter Soon-Yi Previn endlich die Ersatzmutter gefunden, die ihn vielleicht für den Rest seines Lebens hegt und pflegt.In seiner Banalität ist das schon deprimierend.

Noch einmal Facts und Fiction.Die wohl erheiterndste Szene hat sich die Regisseurin für den Schluß aufgehoben.Da kommt der Sohn heim nach Brooklyn und liefert die erworbenen Medaillen ab, damit sie auf den Wohnzimmerschrank zu den versammelten Pokalen wandern können.Der Vater hat nur für eines Blick, die Gravurarbeiten.Er schärft dem Sohn nochmals ein, daß der sich bloß nie einbilden soll, er hätte irgendetwas aus eigenem Verdienst geschafft.Es ist schon merkwürdig, wenn ein öffentliches Gesicht plötzlich seine genetische Vorlage bekommt.Woodys Mutter, ein zur Karikatur der jüdischen Mutter verzerrter Woody, ist ihm aus dem Gesicht geschnitten.Daß der Junge nichts Richtiges gelernt hat, beklagt sie, zum Beispiel Apotheker.Und, dann natürlich, statt der Asiatin hätte sie lieber "a nice jewish girl".

Hackesche Höfe, Kant, Yorck (OmU)

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