Kultur : Blütezeit des Bücherplaneten Berlin

CAROLINE FETSCHER

Seit der Wende wandelt sich die Berliner Verlagslandschaft.Mut zum Verlegen beweisen Pioniere, alte Verlage kehren zurückVON CAROLINE FETSCHERZwei Hemisphären hatte der Berliner Bücherplanet, Ost und West.Dann brach die Mauer, ein Krimi begann.Bewundernswert die heitere und nachdenkliche Grundstimmung, in der Dietrich Simon von einem Treuhand-Drama um Geld und Macht berichtet, in das er nolens volens hineingezogen wurde.Doch so gelassen spricht der Geschäftsführer des heutigen und Lektor des früheren Verlages "Volk und Welt" - damals DDR - wohl meist, sein Wesen ist philosophisch. "Volk und Welt" war ein trojanisches Pferd in der Ostsphäre der Literatur.Hier konnte das Volk die Welt lesen: 150 Mitarbeiter hoben jedes Jahr 600 Titel aus aller Herren Länder ins Programm; Simon selbst gelang es sogar, den verpönten Sigmund Freud als "österreichischen Essayisten" herauszugeben."Unsere Lektoren beherrschten vierzig Sprachen - Japanisch, Chinesisch, Russisch, Norwegisch, Ungarisch -, die meisten schickte die Treuhand in den Vorruhestand", sagt Simon."Zehn sind heute übrig." Dann hat die Treuhand dem Verlag eine Riesenimmobilie in der Glinkastraße für ein Zehntel ihres Wertes abgenommen, dann das Unternehmen zweimal (Ende 1991 und Mitte 1992) verkauft, beide Male die Verkäufe rückgängig machen müssen."Pötzlich schickte man uns nach Süddeutschland zu einem Käufer, der keine Ahnung hatte, daß er Gehälter zahlen mußte", erinnert sich Simon."Da saßen wir mit zwei Münchner Brüdern zusammen, die Büroartikel und Postkarten herstellten und sowenig wie wir wußten, wie ihnen geschah." Hätte sich nicht eine Phalanx Intellektueller - darunter Fritz J.Raddatz und Günter Grass - vehement für den Verlag eingesetzt, wäre er vollends untergegangen.Heute gehört er dem Münchner Literaturfreund und Anwalt Dietrich von Boetticher, produziert anspruchsvolle, originelle Titel.Dietrich Simon schmerzt immer noch, "daß es im Verlagsgeschäft nicht einen Versuch für ein Joint Venture gab". Immerhin, es entstanden neue Verlage, wie der des dynamischen Christoph Links, der sich mit Erfolg auf DDR- und Alltagsgeschichte spezialisiert hat: ein Verlag, gegründet gleich nach der Wende, mit nichts als Chuzpe und Verstand.Vier Mitarbeiter erwirtschaften hier auf einer bescheidenen Ostberliner Etage anderthalb Millionen Mark Umsatz im Jahr. Ein Neustarter ist auch das Haus des Jungunternehmers Alexander Fest, der sich unter anderem mit politischer Essayistik und Belletristik versucht.Ähnlich wie der ehrgeizige Argon-Verlag, der im Augenblick mit Verve umgestaltet wird, ist der Alexander Fest Verlag eng an das Frankfurter Haus S.Fischer gekoppelt.Großverlage aus "Westdeutschland" docken mit Dependancen oder Tochtergründungen in Berlin an - Rowohlt Berlin, unter anderem mit exzellentem Osteuropa-Programm.S.Fischer Berlin mit einer Vertretung des Frankfurter Haupthauses.Leidenschaftliche Verleger wie der Immobilienunternehmer Bernd Lunkewitz pumpen Geld in alte DDR-Objekte (Aufbau-Verlag und Aufbau Taschenbuch Verlag).Der Eichborn Verlag eröffnet jetzt in der Oranienstraße eine Ein-Mann-Zweigstelle.150 Verlage sind im Verband der Verlage und Buchhandlungen Berlin-Brandenburg organisiert - dessen Vorsitz übrigens Dietrich Simon innehat -, 392 Unternehmen verzeichnet das Booklet "Verlagsprofile" aus dem Input-Verlag.Sechs- bis siebentausend Bücher produziert Berlin im Jahr - ein Zehntel der bundesweit etwa 70 000 Neuerscheinungen, zu denen München 13 000 beiträgt.Rein numerisch ist Berlin heute nach München die wichtigste deutsche Buchmetropole, der stattliche Branchenumsatz beträgt im Jahr 1 622 900 000 Mark für Berlin mit Brandenburg.Und Bestseller kamen aus Berlin: Das Goldhagen-Opus "Hitlers willige Vollstrecker" publizierte der Siedler-Verlag mit sicherem Instinkt.Den Tagebüchern von Viktor Klemperer wie den Briefen und Feuilletons von Alfred Kerr widmete sich der Aufbau Verlag.Die Nobelpreisträgerin Nadime Gordimer, die der Verleger Arnulf Conradi "unsere Schutzheilige" nennt, brachten Conradi und seine Frau Elisabeth Ruge aus Frankfurt mit, wo die beiden Gründer des Shooting-Star "Berlin-Verlag" bei S.Fischergearbeitet hatten.Das mit ästhetischer Gradlinigkeit gestaltete Hinterhof-Haus beschäftigt heute fünfzehn Leute. Rasant verändert sich, seit der Stacheldraht zwischen den Hemisphären fehlt, der Bücherplanet Berlin.Der Faschismus hatte Berliner Verlage wie Rowohlt, Ullstein und S.Fischer in die Emigration gezwungen, Blockade und Mauerbau ließen wenige von ihnen in die isolierte und geteilte Stadt zurückkehren oder dort bleiben.Druckereien in Berlin waren zerstört, um Papier wurde gekämpft.1954 etwa beantragte der Verlag "Das Neue Berlin" vergebens 13 000 Kilo für das nach fünfziger Jahren riechende Büchlein "Wäscheschäden.Entstehung - Ausbesserung".Meist natürlich signalisierten Ost-Verlage nach der Teilung der Stadt 1948 nicht "Ausbessern" sondern Aufbau: "Neues Deutschland", "Neues Leben", "Neuer Weg", "Neues Berlin" so die stolzen Namen sowjetisch lizensierter Unternehmen. An ihre Jahre als Verlagsvertreterin erinnert sich Ursula Sobottka: "Bis in Berlin eine lukrative Vertreterarbeit möglich wurde, mußten erst noch verschiedene Wellen über den Wirtschaftsmarkt rollen, die Westdeutschland schon hinter sich hatte.Da kam zunächst die Freßwelle, dann die Kleiderwelle, und erst nach der Möbelwelle blieb es nicht aus, daß auch eine kleine Bücherwelle angerollt kam." In den Westsektoren erhielten zwar Verleger wie der nach Brasilien emigrierte Ernst Rowohlt und die von der NSDAP 1934 enteigneten jüdischen Familien Ullstein und Fischer ihren Besitz zurück.Doch das 1877 gegründete große Haus Ullstein - seit 1960 Teil der Axel Springer Verlag AG - verharrte im Kalten Krieg als einziger großer Verlag in Berlin: aus Solidarität.Der Verlag schreibt derzeit 50 Millionen Mark Umsatz und beschäftigt etwa achtzig Mitarbeiter. Wahrscheinlich hat die Studentenrevolte dazu beigetragen, daß kleine, rote Blumen wie der Wagenbach-Verlag, der mit 50 bis 60 Titeln pro Jahr inzwischen kommerziell sehr erfolgreich ist, und kleinere wie Trikont, Rotbuch - 1996 umgezogen nach Hamburg -, Transit oder Merve in der Bücherlandschaft der Stadt erblühten.Den Umsatz freilich machen andere, etwa der größte deutsche Wissenschaftsverlag Julius Springer, weltweit führend in Medizin, Biologie, Chemie und Technologie.600 Millionen Mark im Jahr setzt das Berliner Haus um.Sechs Berliner Verlage erzielen mehr als 50 Millionen Umsatz, zu ihnen gehören Ullstein, De Gruyter und auch der Beuth Verlag, spezialisiert auf Gebiete wie Technik, Management und Statistik. Vermögen verpflichte, sagt sanft der Lunkewitz, dessen Buchhaus Wand an Wand mit Rowohlt Berlin, neben Baustellen und Straßenbahn am Hackeschen Markt steht.Geld hat der Immobilienmillionär auch ohne Bücher gemacht, aber noch lieber macht der überzeugte Marxist es mit ihnen, und am liebsten in Berlin.In Frankfurt am Main bekannt wie ein ein roter Hund, liebt Aufbau-Verleger Lunkewitz an Berlin auch sein Inkognito."Hier kann ich in irgendeiner Kneipe sitzen und mit Unbekannten diskutieren, ohne daß mich einer fragt, wer ich bin.Das ist befreiend.Gleich nach dem Mauerfall", erklärt Lunkewitz, aus melassefarbenen Augen lächelnd, "wußte ich, daß ich nach Berlin wollte.Jetzt will ich hier nicht mehr weg."

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