Kultur : Blume der Hausfrau

HARALD MARTENSTEIN

Wir haben uns damals ein bißchen gewundert, als unsere Großmutter sich einen Staubsauger Marke "Vorwerk" kaufte. Sie besaß schließlich schon einen Staubsauger. Über den alten Sauger war nie das geringste Wort der Klage über ihre Lippen gekommen. Teuer war das neue Ding auch, tausend Mark oder mehr. Dafür konnte es allerdings auch Haare fönen, Filmstreifen trocknen, Möbel pinseln, Kopfkissen umfüllen, bohnern, Insektengift zerstäuben, Motoren entfetten, Wände kalken und Pferde striegeln. Aber unsere Großmutter hatte doch gar kein Pferd! Insekten auch nicht!

Jetzt wissen wir Bescheid. Im Kino läuft der Dokumentarfilm "Die Blume der Hausfrau". Ein Film über den Vorwerk-Staubsauger und die Männer, die ihn verkaufen. Es sind junge, schöne Männer, Charmeure, großstädtische Westernhelden. Sie betreten mit wehendem Mantel und strahlenden Augen die Wohnung, machen Scherze, dann packen sie mit großer Geste ihren Kram aus und streuen ein weißes Pülverchen auf den Teppich. Sie führen lächelnd die stufenlos verstellbare Rundbürste vor und spielen lässig mit der Softdüse. Am Ende fragen sie, den Doppelsinn ihrer Bemerkung keineswegs verbergend: "Na, waren Sie zufrieden mit mir?" Die Hausfrau antwortet, mit unhörbarem Seufzen: "Ja, sehr."

So war das also. Die Verkäufer machen den Akt des Verkaufens zu einer erotischen Performance. Vorwerk ist ein deutsches Phänomen. Keine Werbung. Keine Läden. Keine Maßnahmen zur Imageförderung. Seit 1930 ausschließlich Direktvertrieb an der Haustür. Auf diese Weise sind mehr als zehn Millionen Exemplare allein des Gerätes "Kobold" verkauft worden. Der "Kobold" ist für Vorwerk das, was für VW der Käfer war.

Ignoriert diese Firma die Gesetze des Kapitalismus, oder hat sie diese Gesetze besonders gut begriffen? Sie verführt. Das tut bekanntlich jede Werbung. Im Film "Die Blume der Hausfrau" sieht man, daß der Mensch immer noch besser manipulieren kann als jedes Plakat und jeder Spot. Das beruhigt. Die "Kobold-Nachrichten" haben das Rezept der Firma bereits vor Jahrzehnten zusammengefaßt: "Es ist zwecklos, die Hausfrau überrumpeln zu wollen . . . In der Werbung müssen wir 1. das Interesse der Hausfrau wecken, 2. ihre Neugier anregen, 3. ihre Sympathie erwerben, 4. ein Versprechen zur Vorführung erringen, 5. zum Nachdenken zwingen." Mit anderen Worten, die Vorwerk-Werbung funktioniert kein bißchen anders als die engagierte Kunst, ein Film von Ken Loach zum Beispiel oder eine Collage von Klaus Staeck.

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