Kultur : Blumen auf Beton

20 Jahre an der Spitze: Startänzer Vladimir Malakhov feiert sein Bühnenjubiläum in Berlin

Sandra Luzina

Viele dachten, es wäre nur eine flüchtige Liaison. Als Vladimir Malakhov 2004 den wenig glamourösen Intendanten-Job für das neu zu gründende Staatsballett im armen Berlin übernahm, waren die Hauptstädter zwar geschmeichelt, weil sie sich einen veritablen Weltstar eingefangen hatten. Doch der Verbindung gab man keine große Chance, fast wartete man darauf, dass der prominente Tänzer die Flatter macht. Aber Malakhov blieb. Mittlerweile liegen die Berliner ihm zu Füßen und sprechen stolz von „ihrem“ Staatsballett. Klaus Wowereit zählt Malakhov neben Sasha Waltz explizit zu den Künstlern, die die Tanzstadt Berlin an die Weltspitze katapultierten. Nun wird es rote Rosen für ihn regnen. 20 Jahre tanzt Malakhov schon über die Bühnen der Welt, über die Hälfte seines Lebens. Das Jubiläum feiert er heute in der Deutschen Oper – mit einer exklusiven Ausgabe der Gala „Malakhov & Friends“: Die Stargäste kommen aus Tokio und New York.

Trifft man Malakhov in der rustikalen Kantine der Staatsoper, vergisst man schon mal kurz, was für eine Berühmtheit einem da gegenübersitzt. Am Abend zuvor hat er den Prinzen in „Dornröschen“ getanzt, morgens stand er wieder pflichtbewusst an der Ballettstange, um seine Übungen zu absolvieren. Nun trinkt er die obligatorische Cola, zündet sich eine Zigarette an und erklärt: „Den Wechsel nach Berlin habe ich nie bereut.“

Ohne den charismatischen Tänzer an der Spitze wäre die Erfolgsgeschichte des Staatsballetts kaum denkbar. Berühmt ist er nur für seine fulminanten Sprünge und eine stupende Technik. Und für seine Empfindsamkeit und betörend androgynen Charme. Sein Repertoire reicht von den großen klassischen Handlungsballetten bis zu den Werken führender Choreografen des 20. Jahrhunderts wie Balanchine und Béjart. Auf der Bühne brilliert er als makelloser Prinz und anbetungswürdiger Apoll, als verführerischer Faun und Narziss – und auch für die Travestie ist er zu haben. Kritiker reihen ihn ein die Galerie der Koryphäen Nijinsky, Nurejew und Baryschnikow. Wenn man Malakhov selbst nach seinem größten Idol fragt, sagt er: Maria Callas. „Ihre Stimme war so rein. Ich wollte immer tanzen, wie sie sang.“

Vom Physischen zum Metaphysischen: Malakhov gibt zu, etwas abergläubisch zu sein. Seine Karriere als Tänzer stand von Anfang an unter einem guten Stern. Erzählungen über seinen Aufstieg ähneln einer modernen Heldensaga – fangen sie doch vor seiner Geburt an. Malakhov wurde 1968 am 7. Januar, dem russischen Weihnachtstag, im ukrainischen Kriwoj Rog geboren, zwischen zwölf und drei Uhr. Wenn in dieser Zeit der Himmel wolkenfrei ist, so ein alter Aberglaube, kann man sich etwas wünschen. „Es war der größte Wunsch meiner Mutter, dass ich Tänzer werde, aber mehr noch, dass ich geschützt durchs Leben gehe“, sagt Malakhov. Offenbar sind beide Wünsche in Erfüllung gegangen.

Mit zehn Jahren wurde er in die Ballettschule des Bolschoi-Theaters aufgenommen, die härteste Kaderschmiede Russlands. Der kleine Volodya lebte im Internat in Moskau, 20 Stunden Zugreise von zu Hause entfernt, und verzehrte sich vor Heimweh. Doch er war von dem Ehrgeiz getrieben, der Beste zu sein. „Manchmal, wenn ich erschöpft an der Stange stand, blickte ich sehnsüchtig nach draußen, zu den Kindern, die im Sonnenschein spielten. Aber anders als sie wusste ich, dass ich eine große Zukunft vor mir hatte. Also sagte ich mir: Vladimir, bleib stehen und mach deine Battements tendus. Du kannst auch in der Zukunft noch spielen.“ Kritische Phasen? Malakhov winkt ab: „Sex, drugs and Rock’n’Roll? Ich wusste doch gar nicht, was das ist!“ Obwohl er die Schule mit Bestnote abschloss, nahm das Bolschoi-Ballett ihn nicht auf – dort wurden russische Schüler bevorzugt. Malakhov brauchte als Ukrainer sogar eine Aufenthaltserlaubnis, um in Moskau bleiben zu dürfen. Schließlich engagierte ihn die Klassische Moskauer Tanzcompagnie, und als er einen Wettbewerb nach dem anderen gewann, umwarb ihn auch der Boss des Bolschoi-Balletts. Malakhov aber ließ ihn abblitzen: „Es ist zu spät.“

1992, bei einer Tournee durch die USA, fasste er spontan den Entschluss, im Westen zu bleiben. „Ich wusste, was mich in Russland erwartete. Ich würde „Nussknacker“, „Giselle“ und „Schwanensee“ tanzen, ab und an eine Gala, und das wäre es gewesen.“ Also fing er bei null an und machte sich auch im Westen schnell einen Namen. Nach Stationen in Wien, Kanada und Stuttgart debütierte er 1995 beim American Ballet Theatre an der Metropolitan Opera in New York – und ist dort seitdem als Erster Solotänzer engagiert.

Herausforderungen reizen ihn. Das, erklärt Malakhov, war auch der Grund, warum er das Berliner Angebot annahm. Aber wie schwierig der Neustart in Berlin werden würde – das habe er sich nie träumen lassen. Doch der sensible Künstler behauptete sich bravourös im Berliner Ballettsumpf und manövrierte das Staatsballett, das ja zur Opernstiftung gehört, bislang durch alle gefährlichen Gewässer. Er hat die Compagnie verjüngt, ihr stilistischen Schliff gegeben und das tänzerische Niveau angehoben. Und er hat Stars wie Polina Semionova aufgebaut. Christiane Theobald, als stellvertretende Intendantin Malakhovs engste Mitarbeiterin, lobt seinen Perfektionismus, sein fotografisches Gedächtnis sowie sein Beharrungsvermögen. Drei Jahre nach der Gründung des Staatsballetts ist klar: Malakhov hat einen Tanzfrühling in Berlin bewirkt.

Wie lange er selbst noch tanzen wird? Malakhov ist in Topform. Ein Leben ohne Tanz kann er sich nicht vorstellen, auch wenn er nicht mehr ganz so oft auftritt und er seine Kräfte einteilen muss. Seine Rollen werden sich verändern, auf den Tänzer-Darsteller warten neue Herausforderungen. Davon kann man sich jetzt bei der Gala überzeugen, wenn er Maurice Béjarts „Serait-ce la mort“ interpretiert. Ganz sicher kein Schwanengesang.

„Malakhov & Friends“: Deutsche Oper, heute, 18 Uhr. Wieder am 30.1., 2. und 4.2.

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