Kultur : Blumen der Seele

Rüdiger Schaper freut sich über den Welttag des Buchs

Heute ist wieder einmal ein besonderer Tag. In Deutschland werden eine Million Bücher verschenkt. Nein, diesmal keine Exemplare des Koran und auch keine Bibeln oder schwedische Frühjahrsmöbelkataloge. Es handelt sich im weiteren Sinn um Gegenwartsliteratur: Nick Hornby, Peter Handke, Umberto Eco, Thomas Brussig, Daniel Kehlmann, aber auch Hans Fallada und Mascha Kaléko und skandinavische Thriller. Spendiert werden die Titel von der Stiftung Lesung, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und den Verlagen. Tausende von „Lesefreunden“ bringen sie unter die Leute, in sozialen Einrichtungen, in der Straßenbahn, in Schulen.

Denn der 23. April ist der Welttag des Buchs. Die Unesco hat ihn ausgerufen, nach einem alten Brauch. In Katalonien feiert man am 23. April den Tag des Schutzpatrons Sant Jordi, man schenkt sich Blumen und Bücher. Vor allem Verliebte tun das gern. Blumen sind wie Gefühle, so berührend und prachtvoll wie vergänglich, ein Buch kann in Würde altern, wenn es Charakter hat und gelesen wird. Blumen und Bücher, ein weites Feld. Man kann zwischen Buchseiten Blätter und Blüten pressen, das werden für die Ewigkeit getrocknete Tränen sein, erinnertes Gefühl. Und wie wundervoll Bücher duften, wenn man sie zum ersten Mal öffnet! Eine Zeitung, frisch vom Andruck, erfreut die Nase nicht weniger. Und Günter Grass sorgt sich ja nicht nur um den von Israel bedrohten Weltfrieden. Auch für Karl Lagerfelds neue Kreation „Paper Passion“, ein Parfum mit Papierduft, schrieb er ein kleines Gedicht. Noch einmal mit dem allerletzten Tintentropfen. Und mit kräftigem Pfeifentabaks odeur. Alles muss raus.

Angeblich fällt auf den 23. April auch der Todestag von Cervantes und Shakespeare. Die Unesco will am Welttag des Buchs auch an die Rechte der Autoren erinnern. William Shakespeare (oder wie immer der Dichter hieß) ist da genau der Richtige. Sein Werk, die Dramen wie die Sonette (da wären wir wieder bei den Blumen und den Verliebten ...), haben Raubdrucker und Buchpfuscher ausgeschlachtet wie kaum ein anderes. Damals war Copyright so unbekannt wie Penicillin oder das Telefon, oder es war eben: das Recht zu kopieren. Noch zweihundert Jahre nach Shakespeares Tod, um das Jahr 1820, war es für einen adligen Dichter wie Lord Byron verpönt, mit Buchpublikationen Geld zu verdienen. Und was noch einmal sechzig, siebzig Jahre später Karl May im halsabschneiderischen Verlagsgeschäft erleben musste, geht auf keine Bisonhaut. Das Urheberrecht ist eine ziemlich neue Erfindung.

Sant Jordi/Sankt Georg, der tötete den Drachen und rettete die Prinzessin. Er war wohl ein mächtiger Krieger, kein Ritter von der traurigen Gestalt. Er war ein Held, so wie sich Cervantes im Gefängnis seinen Don Quijote erträumte. Bücher sind mächtig, sie können die Welt verändern, Diktatoren bedrohen. Aber Bücher brauchen auch Schutz. Sie sind Geschenke, und sie müssen es uns wert sein.

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