Kultur : Blumen für Böse

Silvia Hallensleben

gratuliert dem Hitler-Darsteller Udo Kier Selbst Feinde von Eichingers Untergangsspektakel mögen kaum leugnen, dass zumindest Bruno Ganz seinen Adolf mit Wackelhändchen und onkeligem Geschnarze ganz famos hinlegt. Dabei zeigt doch auch seine Darstellung in ihrer Detailbesessenheit vor allem, wie wenig solch naturalistische Anverwandlung zum Verständnis historischer Zusammenhänge taugt. Vierzehn Jahre zuvor hatte mit Udo Kier ein anderer Schauspielstar einen ungemütlicheren Hitler gegeben in einem Filmprojekt, das statt biederer Fest-Huberei mit verwegener Spiellust dem deutschen Untergangsmythos auf den Sprung in die Gegenwart helfen sollte. Christoph Schlingensiefs „100 Jahre Adolf Hitler – die letzte Stunde im Führerbunker“ muss sich der interessierte Zeitgenosse aus der besser sortierten Videothek besorgen. Udo Kier aber hat vor zwei Jahren noch einmal Adolf gespielt, in einem Film, der exemplarisch vorführt, dass auch die Briten ihr – ganz eigenes – Hitler-Päckchen zu tragen haben: mRs. mEiTLemmIHr heißt schön anagrammatisch das 30-Minuten-Stück von Graham Rose (2002), das nach der Präsentation auf dem diesjährigen Jewish Film Festival jetzt noch einmal in der Akademie der Künste zu sehen ist, wenn dort Freitag Abend das Lebenswerk des Darstellers gewürdigt wird, anlässlich des 60. Geburtstags von Udo Kier.

Auch hier geht es zuerst um die letzten Tage des braunen Regimes. Doch dann gibt sich Rose der auf der Insel mit Leidenschaft gehegten Gruselfantasie des „was wäre, wenn...“ hin – und lässt den dem Untergang entflohenen Führer in Altfrauenverkleidung ins zerstörte London fliehen: Mehr schräges Bubenstück denn ernsthafter Tabubruch. Doch im Anschluss darf man dann nach einem Überraschungsfilm mit Kier, Schlingensief und Wolfgang Joop darüber diskutieren, warum „das Böse so schön“ ist.

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