Kultur : Blumen von Beckmann

In Berlin hängt vielleicht ein neues Meisterwerk

Michaela Nolte

Die Kunstgeschichte hat ein Gemälde von Max Beckmann mehr, davon ist Irene Lehr überzeugt. Die Auktionatorin aus Berlin geht aber noch einen Schritt weiter: Beckmanns Werkverzeichnis führt 1914 fünf Gemälde auf; darunter ein Stillleben mit Flieder und eines mit Rosen. „Da Gladiolen erst im Spätsommer blühen, könnte es sich um eines der letzten Bilder handeln, die Max Beckmann vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gemalt hat.“

Allemal ist das „Stillleben mit Gladiolen“ von 1914 virtuose Malerei. Als ein Privatsammler ihr das Bild im vergangenen Herbst als Werk eines unbekannten Malers anbot, war es nur eine vage Vermutung: Die Signatur mit einer Lücke von zwei Buchstaben könnte von Beckmann stammen. „Ein Zufall, von dem man immer so träumt“, so Lehr. Zumindest war die promovierte Kunsthistorikerin sicher, dass die ausdrucksvolle Malweise und durchgearbeitete Komposition auf einen Sezessionskünstler hinweisen. Bei Nachforschungen stieß sie dann auf ein Frauenporträt von 1908, dessen Signatur derjenigen des Blumenstilllebens sehr ähnelt. Der Künstler: Max Beckmann.

Die Analyse im Doerner-Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen hat ergeben, dass Leinwand, Keilrahmen und Farben aus dem frühen 20. Jahrhundert stammen und dass es sich um Künstlerpigmente handelt, die auf Beckmanns Werken nachweisbar sind.

Auf die Nachfrage, ob sie das Bild für echt halte, seufzt Mayen Beckmann, die Enkelin des Künstlers und Mitherausgeberin des 2006 erschienenen Werkverzeichnisses seiner Arbeiten auf Papier. Sie sichtet derzeit die Materialien, und man spürt die Sorgfalt, mit der sie Pro und Kontra abwägt. „Die Bilderlisten sind sehr komplett. Dass ein gänzlich unbekanntes Bild auftaucht, ist extrem selten, und Barbara Göpel, die 1976 das Werkverzeichnis der Gemälde von Max Beckmann mitverfasst hat, hält es für ausgeschlossen. Darum bin ich vorsichtig. Aber strukturell spricht auch vieles dafür.“ Anfragen für Expertisen erhalte sie häufig. „Dieses ist der erste Grenzfall. Ich tendiere da zu der Meinung, dass es eher echt ist. Diskussionen in der Zukunft, vielleicht neue Funde wie zum Beispiel Zeichnungen werden weiterhelfen, und jetzt wird der Markt entscheiden, wie er das Bild einschätzt."

Den ersten Testlauf erfährt das Blumenstillleben am 27. Oktober, wenn es mit einem Schätzpreis von 40 000 Euro zum Aufruf kommt. Michaela Nolte

Auktionshaus Lehr, Sybelstraße 68;

Montag bis Freitag 11–18 Uhr.

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