Kultur : Blumen zum Dösen

Möglichkeiten der Malerei: die große Monet-Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie

Ralf Christofori

Es kommt recht selten vor, dass Schwaben einander öffentlich beschenken. Wenn es dann doch mal geschieht, dann allerdings im großen Stil. Für die Staatsgalerie Stuttgart wird das Jahr 2006 in den Annalen verzeichnet werden als ein Jahr großer Zuneigungen. Zum 100. Geburtstag schenkt der Galerieverein der Staatsgalerie ein monumentales zeitgenössisches Werk von Jeff Koons – und erinnert sich und das Haus damit auch an einen zunehmend vernachlässigten Sammlungsauftrag. Den hatte der Stuttgarter Galerieverein bereits in seinem Gründungsjahr mit dem Ankauf von Claude Monets „Effet de Soleil“ mutig begründet.

Direktor Christian von Holst feiert in diesem Jahr seinen Abschied in den Ruhestand – und er beschenkt sich und das Publikum mit einer Monet-Schau rund um das 1887 fertig gestellte Werk. Der Galerieverein wiederum stemmt den umfangreichen Katalog zur dieser Ausstellung, die das Prädikat „Große Landesausstellung“ tragen darf, weil auch das Land Baden-Württemberg dem scheidenden Direktor Danke sagen will. Nicht zu vergessen die treuen Sponsoren Würth und L-Bank, die sich großzügig an dieser Gemeinschaftsgabe beteiligen.

Ganz unbescheiden aber haben die Verantwortlichen nur eines im Sinn: das Publikum zu beschenken mit einer Monet- Ausstellung, die vorzügliche Leihgaben aus allen Himmelsrichtungen zusammenführt. Im Zentrum das hauseigene „Effet de Soleil“, kreisen alle Werke um ein Thema: „Felder im Frühling“. Mohn- und Irisfelder bei Giverny, Wiesen bei Argenteuil, Pappeln an der Epte. Das Odeur der Plein-Air-Malerei duftet wohlig durch den Wechselausstellungsraum der Stuttgarter Staatsgalerie.

Hier ist der Maler bei sich und dürfte sich selbst von den zu erwartenden Heerscharen von Besuchern nicht aus der Ruhe bringen lassen. In sich geschlossen ist auch die Hängung, die eher den Motiven und weniger einer künstlerischen Entwicklung folgt. Einige Werke, wie der „Pfad im Mohnfeld“ (1880) aus dem Metropolitan Museum in New York und das zeitgleich entstandene „Mohnfeld bei Vétheuil“ aus Schweizer Privatbesitz, weisen dieselben Motive bei gleichem Malerstandpunkt auf.

„Versuche zu vergessen, welche Gegenstände du vor dir hast“, so lautete Monets innere Weisung, wenn er da im Freien saß und malte. Und es ist dieses Credo, das der Stuttgarter Ausstellung zum Glück und Verhängnis gleichermaßen wird. Denn die Motivschau insistiert geradezu auf jenem „vergleichenden Sehen“, das Christian von Holst und sein Kurator Christofer Conrad ihrer Ausstellung abgewinnen möchten. Dieses Sehen stellt sich unweigerlich ein: Man vergleicht das warme Licht der frühen „Wiese in Bezons“ (1874) aus der Berliner Nationalgalerie mit dem kalten Streulicht des fünf Jahre später datierten „Mohnfeld bei Vétheuil“. Den gebündelten Duktus eines gelben Irisfeldes bei Giverny von 1887 steigert Monet in den drei Versionen „Frühlingslandschaft“ (1894) zu irisierenden Farbwolken. Dann wieder fügen sich vier großartige „Pappel“-Bilder von 1891 zu einer Serie, in der Monet weniger das Motiv als vielmehr die Möglichkeiten der Malerei, der seriellen Malerei durchspielt.

Man wird hier an Monets Credo von den zu vernachlässigenden Gegenständen erinnert, das frei übersetzt auch heißen könnte: Wenn Monet das Motiv vergessen machen will, ist auch eine monografische Motivschau vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss. Die epische Breite, mit der Monets „Felder im Frühling“ hier gefeiert werden, findet nur an wenigen Stellen eine Zuspitzung, die dieser Ausstellung einen Mehrwert hätte bringen können. Eine Zuspitzung auf die Malerei nämlich, auf eine Malerei, die sich trotz der Hinwendung zur Natur vor allem an sich selbst abarbeitet – und damit den Blick von der Wirklichkeit auf die Wesenheiten der Malerei lenkte.

So bleibt Stuttgarts Ausstellung „Claude Monet – Felder im Frühling“ über weite Strecken das, was sie ist: ein großer Name, ein klingendes Thema – oder, wie der Direktor der Staatsgalerie in seinem Vorwort schreibt, die Ausstellung „eines spontanen und genialen Naturbeobachters“, der „dem Betrachter in gleichsam spielerischer Form die Wahrnehmung flüchtigster und beglückendster Naturerlebnisse schenkt“.

Mit dieser Schau geht nun die Ära von Holst zu Ende. Neben so berühmten Namen wie Marc, Manet, Renoir, Gauguin, Degas und Picasso bilden Monets „Felder im Frühling“ zweifelsohne den Höhepunkt einer extensiven „Monokultur“, die die Klassiker der Moderne dargeboten hat. Das kommt immer gut an. Aber es war auch weitgehend ohne jedes Risiko.

Sean Rainbird, dem neuen, aus London kommenden Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, möchte man wünschen, dass es ihm gelingen möge, den Nährboden der Kunst wieder etwas vielfältiger und mutiger zu bestellen. Zeitgenössischer.

Staatsgalerie Stuttgart, bis 24. September, Katalog (Hatje Cantz) 23 €.

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